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„War eh gelogen“
„War eh gelogen“

War eh gelogen


Das Licht wird weich.
Täuscht.

Als hätte Berlin kurz beschlossen,
nicht ganz so anstrengend zu sein.

Hält nicht lange.

Die Sonne klebt an den Tischen.
An Biergläsern.
An Gesprächen,
die keiner mehr rettet.

Es kippt.

Stühle kratzen.
„Zahlen.“³
Blicke aufs Handy, als gäb’s da was Besseres.

Sie sitzt noch da.

Bier vor sich.
Schaum weg.
Ambition auch.⁴

Sie schaut nicht hin.
Zu niemandem.

Als wäre da kurz etwas gewesen,
das jetzt schon wieder weg ist.

Nebenan lacht einer zu laut.
Ein Fahrrad brettert vorbei.
Jemand schreit „Ey!“

Berlin macht weiter.
Interessiert sich nicht.

Ein Tisch wird abgewischt.
Gerade noch wichtig gewesen.
Jetzt: Krümel.

Das Gold ist weg.
War eh gelogen.⁶

Sie bleibt sitzen.

Als würde sie testen,
ob noch was übrig ist,
wenn der ganze Zirkus geht.⁵

Das Bier ist warm.

Und für einen Moment
macht die Stadt
keine Show mehr.

Fußnoten zur Lage:
³ Zahlen:
Berliner Höflichkeitsform. Vollständiger Satz: „Ich möchte gehen, ohne das hier weiter zu erklären.“

⁴ Ambition:
Verschwindet in Berliner Außenbereichen zuverlässig zwischen dem zweiten und dritten Getränk. Wird selten vermisst.

⁵ Der Zirkus:
Sammelbegriff für Gespräche, Pläne, Flirts und große Ideen, die sich bei Tageslicht erstaunlich gut anhören und bei Sonnenuntergang leise in sich zusammenfallen.

⁶ War eh gelogen:
Inoffizielles Qualitätssiegel für alles, was fünf Minuten vorher noch wichtig war.

3 comments

Le miroir de l'aube said:

Et le mensonge du mensonge n'est pas toujours la vérité... Surtout dans la bière chaude, Kay!
2 days ago ( translate )

Le miroir de l'aube said:

beau texte .
2 days ago ( translate )

Boarischa Krautmo said:

;-)
gut!
2 days ago ( translate )