"Wir" — ein kleines Wort mit großer Wirkung
Sie sitzen in der Jahresversammlung des Kleingärtnervereins. Der Vorsitzende sagt: „Wir haben entschieden, dass die Hecken ab sofort auf 1,20 Meter gestutzt werden." — und Sie wissen genau: Sie haben gar nichts entschieden. Aber jetzt nicken alle. Und Sie? Sie nicken auch.
Willkommen im Reich des kleinen Wortes mit der großen Wirkung.
„Wir" klingt harmlos. Verbindend. Fast gemütlich. Genau das macht es so wirksam — und so anfällig für Missbrauch.
Der erfundene Konsens
„Wir sind uns doch alle einig, dass …" — wer diesen Satz hört, steckt bereits in der Falle. Es wurde kein Konsens festgestellt, sondern einer behauptet. Wer jetzt widerspricht, stellt sich nicht gegen eine Meinung, sondern gegen die Gruppe. Vielleicht kennen Sie das Gefühl: Man möchte etwas sagen — und schweigt trotzdem. Das ist kein Argument. Das ist Druck.
Die unsichtbare Grenze
„Wir" kann auch das Gegenteil bewirken: nicht einschließen, sondern ausgrenzen. Sobald ein „Wir" ein „die da" braucht, geht es nicht mehr um Inhalte. Es geht darum, auf der richtigen Seite zu stehen — und alle anderen auf der falschen zu platzieren. Schlicht. Effektiv. Und schwer zu widerlegen, weil gar nichts behauptet wurde.
Die freundliche Bevormundung
„Wie fühlen wir uns heute?" fragt der Arzt. Es klingt fürsorglich. Aber schauen Sie genau hin: Jemand hat entschieden, wer hier das Sagen hat — ohne zu fragen. Die eigene Autonomie wurde, mit einem Lächeln, einfach weggenommen.
Der verschwundene Verantwortliche
„Wir haben entschieden" ist einer der ältesten Tricks der Mächtigen.
Was so kollegial klingt, hat einen klaren Zweck: den Einzelnen unsichtbar zu machen. Denn was alle entschieden haben, hat niemand entschieden — zumindest niemand, den man fragen, kritisieren oder zur Verantwortung ziehen könnte. Die Kritik läuft ins Leere. Die Verantwortung verteilt sich auf eine Masse, die gar nicht existiert.
In Unternehmen: „Wir haben uns entschlossen, diese Abteilung umzustrukturieren." Übersetzt: Ich habe das entschieden — aber ich möchte nicht derjenige sein, der nachher im Flur angesprochen wird.
In der Politik: „Wir mussten diese Maßnahmen ergreifen." Wer ist „wir"? Das Kabinett? Die Partei? Die Geschichte? Je unklarer, desto besser. Unklarheit schützt.
Das Perfide: Es funktioniert in beide Richtungen. Bei Misserfolgen verschwindet der Verantwortliche hinter dem „Wir" — bei Erfolgen taucht er plötzlich wieder auf, ganz allein, in der ersten Person Singular.
Das politische Wir
„Wir, die hart arbeitenden Bürger dieses Landes …" — niemand hat denjenigen, der das sagt, zum Sprecher aller ernannt. Aber die Geste funktioniert trotzdem. Sie stellt ihn auf die Seite des Volkes und alle anderen dagegen. Und wenn Sie widersprechen? Dann sind Sie offenbar nicht gemeint mit diesem „Wir". Dann gehören Sie zu „denen".
Ein einziges Wort. Fünf Hebel. Hören Sie genau hin — wer sagt „wir", und wen meint er damit wirklich?
4 comments
Boarischa Krautmo said:
Kayleigh replied to Boarischa Krautmo:
Vielen Dank :-)
Le miroir de l'aube said:
Kayleigh replied to Le miroir de l'aube:
Merci beaucoup, Lio :-)