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Is this organic, but local?
Is this organic, but local? Berlin, irgendwo zwischen Kaffee und Chaos | Teil 2

Der Bodensatz

Die Sonne klatscht jetzt flach gegen die Fassaden.
Macht den ganzen Straßendreck golden,
als hätte die Stadt plötzlich ein Budget für Spezialeffekte.¹

An Tisch 4 wird jetzt Spanisch gestritten.
Oder geliebt.
In Berlin klingt beides nach „Lass mich bloß in Ruhe“.

„Noch zwei?“
Die Kellnerin balanciert drei leere Tabletts.
Ihr Gesicht sagt: Ich war schon müde, bevor ihr überhaupt geboren wurdet.
Aber ihre Handgriffe sitzen wie Chirurgie.²

Ein Lieferfahrer schießt auf dem Gehweg vorbei.
Zentimeter am Malinois vorbei.
Der Hund zuckt nicht mal.
Er hypnotisiert ein weggeworfenes Pizzastück,
als läge darin der Sinn des Lebens.
Oder zumindest Salami.

„Is this organic, but local?“ fragt ein Tourist am Nebentisch.
Er deutet auf ein Stück Käsekuchen,
das aussieht, als hätte es die Wende miterlebt.³
Die Kellnerin starrt ihn an.
Kurze Pause.
„Dit is Käsekuchen, Schatzi. Und der steht hier janz lokal uffm Tisch.“

Sie geht einfach weiter.
Keiner lacht.
Aber alle wissen: Punkt für sie.

Die Briten auf dem Gehweg sind jetzt fast eins mit dem Asphalt.
Die Hauswand hält sie fest,
wie eine alte, graue Mutter, die keine Fragen stellt.

Irgendwo oben hat jemand ein Fenster aufgerissen.
Techno wummert raus.
Ganz leise, nur der Bass.
Wie der Herzschlag von jemandem, der seit drei Tagen nicht geschlafen hat.⁴

Wir bestellen noch mal.

An dem Moment.
An der Stadt.
An der Tatsache, dass gerade alles kaputt ist,
aber der Glanz verdammt echt aussieht.

Fußnoten zur Lage:

¹ Berliner Gold: Kurzzeitiges Naturphänomen, bei dem Hundekot, Glas und Kronkorken im Gegenlicht für wenige Minuten wie eine Investition wirken.

² Berliner Service: Freundlichkeit wird durch Effizienz ersetzt. Augenkontakt gilt als optional, Lächeln als Karriererisiko.

³ Lokal: Ein Produkt ist lokal, wenn es innerhalb des S-Bahn-Rings existiert – unabhängig von Alter, Herkunft oder emotionalem Zustand.

⁴ Schlaf-Amnestie: Zeitraum, in dem Müdigkeit nicht als Bedürfnis, sondern als persönliches Versagen interpretiert wird.