Der Toilettensitz-Wechsel
Oder: Wenn dein bester Freund ein sensibler Künstler ist
Der neue Toilettensitz ist hellgrau wie die Badezimmerfliesen. Es ist mal wieder Zeit, den alten zu wechseln.
Ich hatte Besuch. Liebe Freunde. Menschen mit Körpermaßen irgendwo zwischen Rugby-Team und Hells Angels auf Betriebsausflug. Jedenfalls war danach die Befestigung des Sitzes verbogen, gelockert und emotional vermutlich ebenfalls am Ende.
Wenn ein Toilettensitz sich lockert und man sich in einer geschäftlichen Beziehung zur Keramik befindet, reicht eine minimale Gewichtsverlagerung – und der gesamte Sitz kippt seitlich weg. Das erzeugt eine Beschleunigung, vergleichbar mit einem Zweierbob in der ersten Steilkurve nach dem Start.
Prokrastination ist unter diesen Bedingungen ausgeschlossen.
Es ist gut, wenn man als Frau so was selbst kann. Aber manchmal hat jeder einen schwachen Moment und sehnt sich nach Hilfe.
Ich schaue ins Bücherzimmer. Mein bester Freund sitzt dort zwischen Comics, Kunstbänden und einer signierten Ausgabe von José Antonio Muñoz oder sonst wem. Er blickt kurz auf und lächelt.
Ich frage nichts.
Ich lächle.
Gute Freunde verstehen sich ohne Worte.
Ich packe den neuen Sitz aus und bin sofort begeistert. Soft-Close. Ich liebe Soft-Close. Ich mag es nicht, wenn Klodeckel auf Keramik knallen wie schlecht gelaunte Kastagnetten.
Ich sortiere die Einzelteile auf dem Boden: Schrauben, Unterlegscheiben, Dübel und ein seltsames Plastikwerkzeug, das aussieht, als hätte Ikea versucht, ein medizinisches Instrument zu entwickeln.
Noch ahne ich nichts.
Den alten Sitz zu entfernen, ist einfach. Die Befestigung zu lösen hingegen entwickelt sich zu einer technisch-philosophischen Prüfung des menschlichen Geistes.
Beteiligt sind:
eine Flachzange
ein Akkuschrauber
ein Feinmechaniker-Schraubendreher
zwei Pflaster
und ein „VERDAMMMMMMMMMMMT!“, das kurz die Nachbarschaft verstummen lässt.
Irgendwann löst sich die Konstruktion mit einem Geräusch, das klingt, als hätte man die Luke eines U-Boots geöffnet.
Ich gehe ins Bücherzimmer.
„Gib mir eine Zigarette.“
Ich setze mich schweigend hin und rauche.
Es werden keine Fragen gestellt. Wirklich gute Freunde erkennen traumatische Sanitärerfahrungen sofort.
Dann beginnt Phase zwei.
Ich werfe die alten Schrauben und Dübel in eine Schüssel mit Seifenwasser. Ich bin nämlich so ein Mensch, der so was aufhebt. Ich besitze eine Klempnerkiste voller Dinge, die aussehen, als könnte man damit entweder ein Waschbecken reparieren oder einen Satelliten starten: Siphons, Dichtungen, Pressfittings, Kontermuttern, Bauer-und-Schaurte-Innensechskantdinger in verschiedenen Größen. Und mindestens drei Teile, deren Funktion vermutlich nur pensionierte Installateure kennen.
Ich schiebe die neuen Dübel in die Keramik. Dann beginnt der eigentliche Horror.
Das Ganze kann nur befestigt werden, indem man – und jetzt konzentrier dich bitte – eine Unterlegscheibe auf ein Gewinde schiebt, das man weder sehen noch sinnvoll ertasten kann. Mein Designerklo ist unten vollständig geschlossen. Man arbeitet dort ausschließlich mit Fingerspitzengefühl, Hoffnung und den Resten des eigenen Selbstwertgefühls.
Anschließend muss man eine Plastikmutter mit einem Spezialschlüssel festziehen, den vermutlich jemand entwickelt hat, der Badezimmer und Menschen gleichermaßen hasst.
Ich liege in einer Haltung unter der Keramik, die selbst beim Kamasutra wegen akuter Verletzungsgefahr verboten ist. Mein Gesicht presst sich an die kalte Fliese, während ich mit zwei Fingern der linken Hand die Mutter fixiere, mit der rechten Hand die Unterlegscheibe balanciere und im Geiste mein Testament schreibe. In diesem Moment denke ich kurz darüber nach, ob ich nicht einfach ausziehen sollte. Nicht aus der Wohnung.
Aus diesem Lebensabschnitt.
Es endet damit, dass ich die Unterlegscheibe mit einem Klebestift am Werkzeug befestige wie ein Feldchirurg kurz vor dem Nervenzusammenbruch.
Irgendwann sitzt alles. Dann sehe ich mir die Schraube genauer an. Inbus. Natürlich. Das bedeutet: Nachziehen nur mit Spezialwerkzeug. Dafür also dieser Ikea-Möchtegern-Schrauber.
„Das mach ich nicht“, sage ich laut.
Außerdem sind die mitgelieferten Dübel zu klein. Ich kann die gesamte Konstruktion inklusive Halterung einfach wieder nach oben aus der Keramik ziehen. Ohne Widerstand. Es fühlt sich an, als würde man einen schlecht sitzenden Zahn ziehen.
Mein mühsam aufgebautes Selbstwertgefühl verlässt fluchtartig den Raum.
„VERDAMMT!!“
Aus dem Bücherzimmer höre ich, untermalt vom sanften Umblättern einer Comicseite, eine Stimme wie Baldrian:
„Mach erst mal Pause. Reg dich nicht auf. Trink einen Kaffee.“
Als hätte ich gerade eine schwierige Trennung hinter mir und nicht einen offenen Kampf gegen die Sanitärtechnik.
Ich drehe mir eine Zigarette und öffne das Fenster. Die Sonne liegt warm im Hinterhof. Stimmengewirr auf Deutsch, Englisch, Französisch.
Irgendwo kocht jemand mit Knoblauch. Geschirr klappert. Menschen lachen.
Ein Vogel singt vollkommen unverhältnismäßig schön.
Wie schön das Leben doch ist.
Nach zwanzig Minuten, zwei improvisierten Kreuzschlitzschrauben, einer soliden Silikongrundlage und dem festen Willen, nicht von einer Toilette besiegt zu werden, ist es vollbracht.
Bombenfest. Hardrock-sicher.
Ich tippe den Deckel an. Er gleitet herab. Langsam. Erhaben. Lautlos wie die hydraulische Heckklappe einer Luxuslimousine.
Sieht fantastisch aus.
Ich gehe ins Bücherzimmer. Er blickt kurz auf.
„Bist du fertig mit der Arbeit?“
Kurze Pause.
„Dann lass uns brunchen. Ich hab Hunger.“
2 comments
Boarischa Krautmo said:
Kayleigh replied to Boarischa Krautmo: