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Lilith | Fiktion
Lilith
Du sitzt da.
Kaffee in der Hand, du willst rauchen,
weil es helfen soll gegen die Unruhe,
aber du weißt, dass es nicht stimmt.
Still betrachtest du durch dein Fenster die Nacht,
sternenklar und kalt.
In der Zimmerecke liegt etwas.
Etwas, das du nicht ansehen willst.
Etwas, das du ignorieren könntest.
Aber nicht willst.
Aber du bewegst dich nicht.
Weil du weißt:
Was dort liegt, gehört dir.
Und du willst es behalten.
Auch wenn es falsch ist.
Auch wenn es dich vergiftet.

Dann klopft sie.
Nicht laut.
Nicht höflich.
Ein einziges Klopfen.
Lilith betritt keine Räume auf Einladung.
Sie kommt, wenn sie gerufen wird.
Und du hast sie gerufen.
Nicht mit Worten.
Mit deinem Schweigen.

Sie steht in der Tür.
Nachtblau.
Metallisch.
Rabenfedern im Haar.
Du hast keine Angst vor ihr.
Das überrascht dich nicht.
Angst ist nicht das, womit Lilith arbeitet.
Angst wäre einfacher.
Ihre Augen – diese tiefen, braunen Augen –
sehen dich nicht an.
Sie sehen durch dich.

„Du hältst etwas fest", sagt sie.
Keine Frage.
Eine Feststellung.
Du nickst nicht.
Du leugnest nicht.
Sie geht zur Ecke.
Sieht nur hin.
„Das", sagt sie,
„das hält dich klein."
„Ich weiß", sagst du.
„Und trotzdem", sagt sie,
„klammerst du dich daran.
Wie ein Kind an eine kaputte Puppe."
Du schweigst.

Lilith setzt sich nicht.
Sie steht.
Immer.
„Du weißt, warum ich hier bin", sagt sie.
„Weil ich lüge", sagst du.
„Nein."
Ihre Stimme ist kalt.
„Du lügst nicht.
Du verschweigst.
Das ist schlimmer."
„Warum?"
„Weil eine Lüge eine Form ist.
Sie kann zerschlagen werden.
Aber Schweigen?
Schweigen wächst.
Es wird zu Schatten.
Zu Raben.
Zu Dämonen."
Sie hebt eine Augenbraue.
„Und dann", sagt sie,
„kommen Leute wie ich."

Du fragst:
„Was willst du von mir?"
Lilith lacht.
Es ist kein freundliches Lachen.
„Ich will nichts von dir.
Ich bin nicht dein Therapeut.
Ich bin nicht deine Rettung."
„Was dann?"
„Ich bin der Spiegel."
Sie zeigt auf die Ecke.
Auf das, was du verheimlichst.
„Du glaubst, ich nehme dir etwas weg",
sagt sie.
„Das tue ich nicht."
„Was tust du dann?"
„Ich lasse Dinge nicht mehr unsichtbar sein."

Ich zünde mir eine Zigarette an,
weil ich nichts sagen kann.
Sie muss nichts berühren.
Sie muss nichts öffnen.
Sie sieht.
Das reicht.

„Sieh hin", sagt sie.
„Ich will nicht."
„Ich weiß."
Pause.
„Aber du wirst."

Lilith geht zur Tür.
Sie dreht sich nicht um.
„Und wenn ich nicht bereit bin?"
„Dann", sagt sie,
„komme ich wieder."
Die Tür schließt sich.
Nicht laut.
Aber endgültig.

Du sitzt da.
Kaffee in der Hand.
Und in der anderen Ecke –
das, was du verheimlichst.
Es sieht dich an.
Und du weißt:
Lilith hat recht.
Das Schweigen ist dunkel.
Es wächst.
Die Nacht ist sternenklar.

.

6 comments

Le miroir de l'aube said:

"Et tu sais :

Lilith a raison.

Le silence est pesant.

Il s'amplifie.

La nuit est étoilée."

Bravo Kayleigh.

J'ai lu en allemand, il me manquait quelques mots que j'ai fait traduire par google. Aussi, j'ai passé un beau moment avec ton texte. Encore!

"Du lügst nicht.
Du verschweigst.
Das ist schlimmer."

peut-être que le plus grand silence est parfois le seul rempart contre le mensonge.
4 weeks ago ( translate )

Kayleigh replied to Le miroir de l'aube:

Merci beaucoup pour ces mots attentifs, Lionel.
Je suis très touchée que tu aies pris le temps de lire le texte – et même de le traverser au-delà de la langue.
Ta réflexion sur le silence me parle beaucoup.
Peut-être qu’il existe en effet plusieurs silences, et que chacun a sa vérité.
Je suis heureuse que le texte ait ouvert cet espace. Merci.
4 weeks ago ( translate )

Boarischa Krautmo said:

gut.
4 weeks ago ( translate )

Kayleigh replied to Boarischa Krautmo:

Dankeschön, ich freu mich ;-)
4 weeks ago ( translate )

jowe_fotokiwi said:

schöner text mit viel wahrheit,,,,, hat mich angesprochen

LG Joerg
4 weeks ago ( translate )

Kayleigh replied to jowe_fotokiwi:

Das freut mich sehr, Joerg, vielen Dank!! :-)
4 weeks ago ( translate )