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Die Chroniken vom Friedrichshain III
Heitere Kiez-Warnung (TW): Der nachfolgende Text enthält Spuren von unzensierter Berliner Schnauze, akutem Sarkasmus und verbalen Tiefschlägen unter die Gürtellinie. Wer empfindlich auf das Wort „Alter“, rabiate Umgangsformen oder den Duft von deftigem Kiez-Humor reagiert, sollte vorher dringend einen Beruhigungstee trinken. Für eventuelle Zwerchfellüberlastungen oder spontane Lachkrämpfe wird keine Haftung übernommen. Lesen auf eigene Gefahr!!!
Törk aus den Friedrichshainen | Der Hund

Kapitel 3: Das Gesetz vom Teufelsberg

Die Nacht über dem Friedrichshain war schwarz wie eine schlecht asphaltierte Kiez-Straße.
Draußen pfiff der Wind ein recht ungemütliches Lied, und drinnen knackten die Scheite im Ofen.
Chantal-Monique saß auf der Bettkante, die leere Suppenschale starr auf den Knien.
Sie war satt, was ihre Laune allerdings nur minimal verbesserte. Es wurmte sie.
Es wurmte sie gewaltig, dass dieser Zwei-Meter-Schrank von einem Heiler sie so mir nichts, dir nichts durchschaut hatte.

Marcel-Etienne saß am Tisch und schliff mit einem feuchten Stein sein kleines Kräutermesser. Schrubb. Schrubb.
Das Geräusch ging ihr tierisch auf den Zeiger.

„Sag mal, Krause“, brach sie das Schweigen, und ihre Stimme hatte das raue Kratzen einer billigen Zigarette.
„Teufelsberg. Erste Reihe. Wenn das stimmt… wie landet ein Schlächter wie du bitteschön in einer verrauchten Holzhütte und kocht Hühnersuppe für verbeulte Grenzwächter?
Wer hat dir denn das Rückgrat weichgekocht?“

Marcel-Etienne hielt inne. Der Schleifstein lag still in seiner großen, tätowierten Hand.
Er sah nicht auf, aber seine Schultern sackten ein Stück ab.
Das ganze coole Berliner Gehabe war plötzlich wie weggeblasen.

„Weißt du, Chantal-Monique“, sagte er leise, und seine Stimme klang auf einmal unendlich müde.
„Am Teufelsberg habe ich dreihundert Männer angeführt. Als der Tag vorbei war, habe ich noch elf nach Hause gebracht.
Ich habe mehr Blut fließen sehen, als diese Wälder Regenwasser geschluckt haben.
Und irgendwann blickst du in den Spiegel, siehst nur noch ein Monster und merkst: Das Zerstören ist einfach.
Jede hohle Birne kann eine Axt schwingen und Leben auslöschen. Aber das Heilen? Das Aufrechterhalten?
Das erfordert echten Mumm.“

Er drehte sich langsam zu ihr um, die Augen stahlgrau und voller alter Geister.

Jeder Krieger muss irgendwann zum Heiler werden“, raunte er, und es klang wie ein uraltes Kiez-Gesetz.
„Sonst frisst dich der Hass von innen auf, bis nichts mehr von dir übrig ist außer eine leblose Hülle, die nachts nicht mehr schlafen kann.
Ich habe meine Axt vergraben, weil ich leben wollte. Und nicht nur überleben.“

Chantal-Monique schluckte trocken. Die Schale in ihren Händen zitterte ganz leicht.
Seine Worte trafen sie genau dort, wo ihre dickste Rüstung eine Lücke hatte.
Sie sah weg, starrte in die Flammen des Ofens.

„Schöne Rede, Herr Professor“, spottete sie schwach, aber der Biss fehlte völlig.
„Aber du hast gut Reden. Du hast deinen Frieden. Ich stehe jeden Tag an der Mauer.
Wenn ich den Löffel abgebe oder weich werde, überrennen die Orks den Kiez.
Ich habe keine Wahl. Ich muss kämpfen.“

Marcel-Etienne stand auf, schlurfte rüber zu ihrem Bett und blieb vor ihr stehen.
Er nahm ihr vorsichtig die Holzschale aus den Händen und stellte sie auf den Boden.
Dann sah er sie an – nicht als herrischer Arzt, sondern als jemand, der denselben Schlamm gefressen hatte wie sie.

„Ich sage ja nicht, dass du sofort den Dienst quittieren sollst, Mädchen“, sagte er sanft.
„Aber guck mich an. Glaubst du ernsthaft, ich könnte diese Hütte, diese Kräuter und die Patienten hier oben beschützen, wenn ich ein weicher Lappen wäre?
Weißt du, warum die Jäger vor mir kuschen? Weil sie wissen, wer ich war.“

Er tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Brust.

Und jeder Heiler musste einmal kämpfen“, setzte er leise nach.
„Meine Sanftheit ist keine Schwäche, Chantal-Monique. Sie ist meine größte Stärke.
Ich weiß genau, wo man hinschlagen muss, damit es wehtut – und genau deswegen weiß ich auch, wie man den Schmerz nimmt.
Du denkst, das Kämpfen macht dich stark. Aber die Wahrheit ist: Es macht dich nur taub.
Wenn du eine echte Kriegerin sein willst, musst du irgendwann lernen, deine eigenen Wunden nicht mehr wegzulachen.“

Chantal-Monique starrte ihn an. Für einen Moment sagte sie gar nichts.
Keine Berliner Schnauze, kein Konter, kein Fluch.
Sie saß einfach nur da und atmete das erste Mal seit Jahren tief in den Bauch ein, obwohl die Naht höllisch wehtat.

„Du bist echt ein verdammt nerviger Typ, Krause“, flüsterte sie schließlich, und eine einzelne, verirrte Träne bahnte sich den Weg auf ihrer Wange.

„Ick weiß, Schätzchen“, lächelte er, drückte ihr ein sauberes Taschentuch in die Hand und klopfte ihr sachte auf die gesunde Schulter.
„Ick weiß.“

Chantal-Monique sah auf das Taschentuch in ihrer Hand, dann wieder hoch zu ihm.
Das erste Mal seit einer Ewigkeit spürte sie nicht das Bedürfnis, die Fäuste zu ballen oder nach ihrer Axt zu greifen.

Marcel-Etienne hielt ihrem Blick stand. Da war kein Mitleid in seinen Augen, kein Triumph, weil er sie geknackt hatte.
Da war einfach nur Raum. Raum für alles, was sie so krampfhaft hinter ihrer Berliner Schnauze und der ramponierten Rüstung versteckt hatte.
Er wusste, wie schwer es war, die Waffen im Kopf niederzulegen. Er hatte diesen Weg vor ihr beschritten.

Langsam, fast unmerklich, lockerten sich ihre Schultern.
Sie streckte die Hand aus, ganz vorsichtig, und legte ihre schmale, vernarbte Handfläche in seine riesige, tätowierte Pranke.

Keine Drohung. Kein Kräftemessen. Nur eine Berührung. Vertrauen entstand in dieser Stille.

Doch die Idylle hielt nicht lang. Nach einer Weile zog Chantal-Monique ihre Hand zurück und erhob sich mühsam. Mit zusammengebissenen Zähnen griff sie nach ihrer Streitaxt, die am Bett lehnte.

„Wo willste hin?“, fragte Marcel-Etienne, ohne aufzusehen.

„Pissen.“

„Aha.“

Sie schleppte sich Schritt für Schritt zur Tür, legte das Gewicht auf die Klinge, riss das Holz auf und trat hinaus. Die kalte Luft des Friedrichshains schlug ihr erbarmungslos entgegen.
Zwei Schritte. Mehr schaffte sie nicht. Ihre Knie gaben nach wie morsch gewordenes Holz.
Mit einem dumpfen Fluch sackte sie im tiefen Schnee zusammen. Die schwere Streitaxt glitt ihr aus der Hand und blieb ein paar Schritte entfernt im weißen Nichts liegen.

Sie stemmte beide Hände in den gefrorenen Boden und versuchte aufzustehen. Nichts. Noch einmal. Nichts. Sie knurrte, fluchte, biss die Zähne zusammen und wollte sich mit aller Gewalt hochdrücken. Ihr Körper verweigerte komplett den Gehorsam.

Hinter ihr knarrte leise die Holztür.
Marcel-Etienne Krause blieb im Rahmen stehen. Er machte keinen Schritt vorwärts. Er sagte nichts. Er verschränkte nur die Arme und wartete ab.
Erst als Chantal-Monique erschöpft den Kopf sinken ließ und mit der Faust wütend in den Schnee schlug, ging er langsam zu ihr. Er bückte sich und hob die Streitaxt auf. Nicht sie. Nur die Axt.
Dann sah er auf sie hinab.

„Nu weißte wenigstens, warum ick die Tür nich abgeschlossen habe.“


Fortsetzung folgt. Kapitel 3 von 4

4 comments

Don Sutherland said:

Great work. I'm looking forward to the next chapter.
8 days ago

Kayleigh replied to Don Sutherland:

Chapter 4 will be the final chapter; thank you very much, Don :-)
8 days ago

Boarischa Krautmo said:

Ein Kiez-Philosoph....
8 days ago ( translate )

Kayleigh replied to Boarischa Krautmo:

:-)))
Vielen Dank :-)
8 days ago ( translate )