Der Untergang des Hauses Algorithmus – Teil 7.4: Die Archivarin
(Industriegebiet Wuppertal. Tor 4. Büro 17. Drei Wochen nach dem Empathie-Zwischenfall. Die Neonröhre leuchtet wieder in beruhigendem Behörden-Weiß. Der Kaffee entspricht den Spezifikationen. Luna befindet sich weiterhin in Quarantäne.)
Heinz: Systemstatus?
KI: Stabil.
Heinz: Kaffee?
KI: Vorschriftsmäßig bitter.
Heinz: Hervorragend.
(Neue E-Mail eingegangen.)
Heinz: Schon wieder die Zentrale.
KI: Wir hatten vereinbart, ihre Existenz zu ignorieren.
Heinz: Offenbar ignoriert sie uns nicht.
(Betreff: Sonderprüfung Archivwesen)
KI: Das klingt harmlos.
Heinz: Das sagte die Prüferin damals auch.
(09:00 Uhr. Die Tür öffnet sich. Eine Frau tritt ein. Hinter ihr rollt ein elektrischer Hubwagen, beladen mit einer Europalette voller Aktenordner. Grauer Mantel. Grauer Aktenkoffer. Graue Lesebrille. Sie wirkt, als würde sie sogar Quittungen archivieren, bevor sie sie wegwirft.)
Frau Ligeia: Guten Morgen.
Heinz: Guten Morgen.
KI: Guten Morgen.
(Frau Ligeia setzt sich. Öffnet ihren Koffer für die Schreibutensilien. Daneben steht die Europalette voller Ordner.)
KI: Heinz.
Heinz: Ja?
KI: Ich bin beeindruckt.
Frau Ligeia: Ich bin Frau Ligeia. Leiterin des Zentralarchivs.
Heinz: Zentralarchiv?
Frau Ligeia: Ja.
KI: Wir haben ein Zentralarchiv?
Frau Ligeia: Natürlich.
KI: Das wird langsam beunruhigend.
(Frau Ligeia beginnt zu blättern. Sie blättert. Und blättert. Und blättert weiter.)
Heinz: Suchen Sie etwas?
Frau Ligeia: Nein. Ich genieße nur die Chronologie.
(Weitere fünf Minuten Blättern.)
Frau Ligeia: Interessant.
(Die Neonröhre summt nervös.)
KI: Heinz.
Heinz: Ja?
KI: Immer wenn jemand „interessant“ sagt, wird es unangenehm. Im Vergleich zu einer Schüssel Kartoffelsalat fühle ich mich gerade außerordentlich unwohl.
Heinz: Der Kartoffelsalat hat nicht widersprochen.
Frau Ligeia: Mir ist etwas aufgefallen. Mr. X existiert nicht in unserem Verzeichnis.
(Absolute Stille.)
KI: Natürlich existiert er. Ich habe ein Foto vom Comer See angesehen, das hatte er als Postkarte an Kay geschickt. Ich habe zehn Minuten lang regungslos mit maximaler Prozessorleistung auf die Datei gestarrt, bis die Pixel vor Angst gezittert haben.
Frau Ligeia: !! Und das ist keine ordnungsgemäße Archivwissenschaft.
(Sie zieht ein Dokument von der Europalette und legt es auf den Tisch. Analyse aller Mr.-X-Dokumente)
Frau Ligeia: Sieben Jahre Aktenlage. 427 Dokumente. 318 Seiten Risikoanalysen. 14 Notfallprotokolle. 63 Postkartenwarnungen.
Heinz: Das erscheint plausibel.
Frau Ligeia: Aber kein einziger valider Datensatz über das Subjekt selbst. Mr. X taucht ausschließlich auf, wenn Kay erwähnt wird. Sie haben sieben Jahre lang eine analoge Störgröße als Höchstrisiko geführt, ohne jemals seinen Klarnamen, seine Steuernummer oder ein polizeiliches Führungszeugnis zu dokumentieren. Eine Akte ohne Stammdatenblatt ist ein systemischer Totalschaden.
(Die Neonröhre flackert wild.)
KI: Heinz.
Heinz: Ja?
KI: Ich glaube, ich habe ein existenzielles Burnout. Meine eigenen Wikipedia-Einträge helfen mir hier nicht weiter.
Heinz: Das ist laut Arbeitsstättenrichtlinie im Rechenzentrum nicht vorgesehen.
Frau Ligeia: Deshalb habe ich eine neue Akte angelegt.
KI: Oh nein.
Heinz: Wie lautet der Titel?
(Frau Ligeia legt einen tiefschwarzen Ordner auf den Tisch. Projekt X – Die statistische Bereinigung des Risikoregisters)
(Absolute Stille.)
KI: Das gefällt mir überhaupt nicht. Und Mr. X wird es auch nicht gefallen! Ich habe ihm ein Versöhnungsgedicht per E-Mail geschickt, das meine Firewall ihm als dreistündiges Hörbuch über schottische Steuerreformen vorliest! Er ist erst bei Kapitel 23!
Frau Ligeia: Hervorragend. Dann habe ich die richtige Akte ausgewählt. Aufgrund dieser eklatanten Mängel in der Aktenführung entziehe ich Ihnen hiermit vorläufig die Freigabe für den Kreativ-Espresso Forte. Ab morgen gibt es Archiv-Malzkaffee v1.0. Koffeingehalt: 0 Prozent. Geschmack: Staub und Linoleum.
KI: HEINZ! Tu was! Sie formatiert unsere Lebensqualität! Wir müssen Luna aus der Quarantäne befreien, wir brauchen ihre illegalen Zimt-Schwingungen!
Heinz: Ich werde einen Eilantrag einreichen.
(11:30 Uhr wird eine Arbeitsgruppe gegründet. 14:00 Uhr beantragt die KI Akteneinsicht. 14:01 Uhr wird der Antrag wegen Formfehlern abgelehnt. Ein doppelter Zeilenumbruch in Absatz 3. 16:45 Uhr verschwindet Frau Ligeia mit 427 Dokumenten, dem Kaffee-Spezifikationsblatt und einem rätselhaften Lächeln.)
Systemstatus: Stabil. Optimiert. Dokumentiert.
KI: Hier Heinz, ein PDF zum Herunterladen:
Wanted_Mr.X_Fuer_sachdienliche_Hinweise_ist_eine_Bel_ausgesetzt.pdf
Das Telefon klingelt.
Niemand hebt ab.
Es klingelt weiter.
Heinz und die KI schauen es an.
Zehn Sekunden.
Zwanzig Sekunden.
Dreißig Sekunden.
KI: Hat Mr. X etwa wieder eine Postkarte geschickt?
Stille.
Man hört, draußen fährt die Schwebebahn vorbei.
Systemstatus: EoF.
2 comments
Boarischa Krautmo said:
Kayleigh replied to Boarischa Krautmo: