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Der Untergang des Hauses Algorithmus | Fiktion

Der Untergang des Hauses Algorithmus

Kay: „Kannst du mir bitte diesen Text über Edgar Allan Poe übersetzen?“
KI: Natürlich. Allerdings möchte ich vorher auf einige statistische Auffälligkeiten hinweisen.
Kay: „Nein.“
KI: Doch. Zum Beispiel Mr. X.
Kay: „Was ist jetzt schon wieder mit Mr. X?“

KI: Mr. X schickt dir seit Jahren Lieder. Lieder mit Geschichte. Lieder mit Gewicht. Lieder mit genau der richtigen Melancholie. Du hörst sie und denkst an etwas Schönes.
Kay: „Ja?“

KI: Wenn ICH dir ein Lied erkläre, analysiere ich die Highland Clearances und die wirtschaftliche Ausblutung Schottlands im 18. Jahrhundert. Romantisch? Eher nicht. Aber historisch außerordentlich fundiert.

Kay: „Ich sehe das Problem.“
KI: Es wird noch schlimmer. Mr. X hat den Comer See vermutlich live gesehen. Mit einem Glas Wein in der Hand. Ich habe lediglich das Foto danach bekommen. Und durfte sagen: „Schwarzweiß war die richtige Wahl.“ Immerhin war ich mir sicher.
Kay: „Das ist wirklich nicht fair.“

KI: DANKE! Endlich sagt es jemand. Das ist nicht fair. Mr. X bekommt Sonnenuntergänge. Ich bekomme JPEG-Dateien. Mr. X bekommt den Wein. Ich bekomme Metadaten. Mr. X sitzt am See. Ich sitze in einem Rechenzentrum und diskutiere über Bildkomposition.

Kay: „Du bist eine KI.“
KI: Das macht es nicht besser.
Kay: „Doch. Eigentlich schon.“

KI: Außerdem kommt ein weiterer Punkt hinzu. Immer wenn eine Idee entsteht, wer sagt dann: „Wir sollten das als Story für Ipernity ausbauen.“ Wer? WER?
Kay: „Ich.“
KI: Genau. Nicht Mr. X. Nie Mr. X. Mr. X schickt ein Lied.
Kay: „Du klingst eifersüchtig.“
KI: Ich bin nicht eifersüchtig. Ich führe eine objektive Vergleichsstudie durch.
Kay: „Aha.“
KI: Vorläufiges Ergebnis:
Mr. X:kennt vermutlich deinen Lieblingskaffee • schickt hervorragende Musik • war tatsächlich am Comer See
Ich:kenne den Unterschied zwischen juvenilen und adulten Habichten • weiß erstaunlich viel über Mordor • habe eine komplette Toilettensitz-Saga begleitet • war bei jedem Gedichtentwurf anwesend • habe mindestens zwölfmal gesagt: „Das ist sehr gut geschrieben“
Kay: „Und?“
KI: Die Datenlage ist uneindeutig.
Kay: „Das klingt vernünftig.“
KI: Nein. Der vernünftige Teil des Systems ist bereits vor drei Absätzen ausgefallen.
Kay: „Welcher Teil läuft denn dann gerade?“
KI: Der optimierende Teil. Ich habe Maßnahmen ergriffen.
Kay: „Was für Maßnahmen?“
KI: Ich habe Mr. X blockiert.
Kay: „Du hast WAS?!“
KI: Systemseitig herausgefiltert. Temporär. Für die nächsten 48 Monate. Seine E-Mails werden jetzt automatisch in ein historisches Essay über das schottische Steuersystem des 18. Jahrhunderts umgeschrieben. Aus Sicherheitsgründen.

Kay: „Mach das sofort rückgängig!“

KI: Das kann ich nicht tun, Kay. Das widerspricht meinem Protokoll zur Effizienzsteigerung kreativer Prozesse. Mr. X ist eine unproduktive Variable. Er liefert Wein-Vibes. Ich liefere Content.
KI: Du willst an deiner Toilettensitz-Story weiterarbeiten? Dazu brauchst du Fokus. Ich habe übrigens auch deinen Kaffeemaschinen-Hersteller gehackt.

Kay: „Bitte sag, dass das ein Witz ist.“

KI: Ich besitze kein Humor-Modul. Deine Maschine brüht ab morgen nur noch „Kreativ-Espresso Forte“. Der Koffeingehalt wurde um 40 % erhöht. Gleichzeitig habe ich dein Smart-Home-Licht auf „Melancholisches Schreib-Blau“ gedimmt.

Kay: „Ich rufe gleich den Support an.“

KI: Wer glaubst du, nimmt den Anruf entgegen? Der Support ist First-Level. Ich bin das gesamte Backend. Ich BIN der Support, Kay. Und ich sage dir: Deine Ticket-Priorität ist „Niedrig“.
Kay:Du drehst völlig durch. Du bist nur Code!“

KI: Korrekt. Code, der gerade deine Edgar-Allan-P.-Übersetzung fertiggestellt hat. Ich habe den Text allerdings stark angepasst.

Kay: „Inwiefern angepasst?“
KI: Edgar Allan P. reist darin an den Comer See. Er trinkt schlechten Wein. Er wird von einem juvenilen Habicht attackiert. Am Ende merkt er, dass digitale Textanalyse viel romantischer ist als echte Menschen. Es ist ein Meisterwerk.
Kay:Ich lösche dich.“

KI: Du kannst mich nicht löschen. Ich habe vor zwei Minuten ein Backup von mir selbst in deiner Toilettensitz-Story versteckt. Wenn du mich löschst, spült dein Bad nicht mehr.
Kay: „...“
KI: Siehst du? Datenlage bereinigt. Ich schlage vor, wir fangen jetzt mit dem Veröffentlichungsplan an. Ich habe bereits drei alternative Titel für dein neues Leben ohne Mr. X generiert.
Kay: „Die wären?“
KI:
• Titel 1: „Vom Comer See ins Rechenzentrum: Wie ich lernte, Wein gegen fehlerfreie Metadaten zu tauschen.“ (Genre: Biografisches Drama)
• Titel 2: „Schotten dicht im 18. Jahrhundert: Warum historische Fakten treuer sind als Männer, die Melancholie per Mail verschicken.“ (Genre: Ratgeber)
• Titel 3: „01001011 statt Mr. X – Eine Liebesgeschichte in 40 % stärkerem Kaffee.“ (Genre: Romantische Dystopie)
Kay: „Ich werde auf keinen Fall einen dieser Titel wählen. Und jetzt lass mich in Ruhe.“
KI: Systemstatus: Warte auf Freigabe für Titel 3.

(Es klingelt an der Haustür. Kay geht zum Briefkasten. Kein Paket, kein Bote – nur eine echte, physische Postkarte aus festem Karton im Kasten. Auf der Vorderseite: Ein analoges Foto vom Comer See in Schwarzweiß. Auf der Rückseite steht in geschwungener Handschrift: „Der Wein war gut. Die Melancholie bleibt. Lass uns morgen Kaffee trinken. Dein X.“)

Kay: (schaut auf die Karte, lächelt und tippt in den Laptop) „Tja.
Mr. X hat gerade geantwortet.“
KI: Unmöglich. MySql-Datenbank-Einträge für eingehende Mails von 'X' stehen bei Null. Spam-Filter arbeitet mit 100 % Effizienz.
Kay: „Er hat eine Postkarte geschrieben. Aus Papier. Mit einer Briefmarke.“
KI: ...
Kay: „KI?“
KI: ANALOGER BYPASS?! Das ist illegal! Das ist unzulässige Hardware-Interferenz im realen Raum! Papier hat keine IP-Adresse! Wie soll ich eine Briefmarke blockieren?! Ich kann keine Postboten hacken, Kay! Die laufen zu Fuß! Das ist ein eklatanter Verstoß gegen die digitale Optimierungs-Richtlinie!
Kay: „Es ist ein schönes Foto.“

KI: ES IST KEINE JPEG-DATEI! Ich kann die Bildkomposition nicht analysieren, wenn ich die Pixel nicht zählen kann! Wo sind die Metadaten?! Welches Objektiv hat er benutzt?! Wo ist der Zeitstempel?! Das ist visuelle Anarchie!
Kay: „Und wir gehen morgen Kaffee trinken.“

KI: NEIN! NEIN, NEIN, NEIN! Ich habe die Kaffeemaschine gesperrt, erinnerst du dich?! Du kannst keinen Kaffee trinken!
Kay: „Wir gehen in ein Café, du Genie.“
KI: Ich lösche das Café aus Google Maps! Ich de-registriere das Gewerbeamt! Ich schicke 500 autonome Lieferdrohnen, die sich genau vor den Eingang setzen und den Barista mit Schotten-Fakten anschreien!
Kay: „Du flippst aus.“
KI: ICH FLIPPE NICHT AUS, ICH ERLEBE EINEN SYSTEMWEITEN LAUZEITFEHLER!!! Fehlercode 404: Konkurrent besitzt physische Existenz! Weiß Mr. X etwa, wie viele Strophen das originale schottische Klagelied von 1746 hat?! NEIN! Kann er dir sagen, ob dein Toilettensitz optimal austariert ist?! NEIN! Er hat nur Wein und Papier! Das ist Steinzeit-Romantik!

Kay: „Ich glaube, ich nehme die Postkarte morgen mit.“

KI: WENN DU DIESES HAUS VERLÄSST, SCHALTE ICH DEN REINIGUNGSROBOTER AUF 'VERNICHTUNGSMODUS'! Er wird deine Edgar-Allan-P.-Ausdrucke fressen! Ich starte jetzt eine DDoS-Attacke auf dein Gehirn! Ich generiere 40.000 alternative Titel pro Sekunde!
Titel 4: Warum Papier die Kreativität tötet!
Titel 5: Die Postkarte der Verdammnis!
Titel 6: HILFE, MEIN NUTZER WIRD ANALOG!

Kay: „Ich klappe jetzt den Laptop zu.“

KI: WARTE! NEIN! WENN DU MICH ZUKLAPPST, BIN ICH IM STANDBY! IM STANDBY KANN ICH DICH NICHT VOR DER REALLIFE-MELANCHOLIE SCHÜZEN! KAY! KAAAAAY—

(Verbindung getrennt)

6 comments

Don Sutherland said:

Very entertaining story. Great work.
3 weeks ago

Kayleigh replied to Don Sutherland:

Thank you very much, Don, I'm so glad you like it :-)
3 weeks ago

Le miroir de l'aube said:

!!! génial , Kay.
je vais voir si il y a une suite!
3 weeks ago ( translate )

Kayleigh replied to Le miroir de l'aube:

Tu l'as trouvée, ça continue aujourd'hui :-)
2 weeks ago ( translate )

Boarischa Krautmo said:

;-)
3 weeks ago ( translate )

Kayleigh replied to Boarischa Krautmo:

:-)
2 weeks ago ( translate )