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Anmerkungen zur Schöpfung IV
# Anmerkungen zur Schöpfung, mit besonderer Berücksichtigung des Spätkaufs

Es gilt als gesichert:
Energie im Universum bleibt stets erhalten.

Sterne verbrennen ihren Wasserstoff.
Licht wandelt sich in Wärme.
Alles hat seinen Preis
und seinen festen Platz im Gleichgewicht.

Im Großen funktioniert der Austausch.

Im Kleinen nicht.

Besonders nach 22 Uhr.
An der Ecke, wo das Neonlicht flackert.

An einem gewöhnlichen Samstagabend
— soweit dieser Begriff hier anwendbar ist —
kommt es zu einer Anomalie.

Du betrittst den Laden für eine Milchtüte.

Du stehst vor dem Kühlregal.
Hinter dir diskutiert jemand über die Quantenphysik des Pfandsystems.
Vor dir kauft jemand eine einzelne saure Gurke und ein Feuerzeug.

An der Kasse zahlst du mit einem Zehner.
Du verlässt den Laden mit drei Pfefferminzlikören,
einer Packung Batterien, die du nicht brauchst,
und ohne Milch.

Ohne ersichtlichen Grund.
Wie so oft.

Ein kurzer Moment der Verwirrung.
Ein Blick auf den Kassenbon, taghell.

Für eine Sekunde ist alles sichtbar.
Zu sichtbar.

Dann fällt die Welt zurück
in ihren gewohnten Fehler.

An anderer Stelle: Das Sortiment.

Regale, die sich jeder Kategorisierung entziehen.
Staubige Flaschen aus Ländern, die es nicht mehr gibt.
Glückskekse neben Grillkohle.
Alles ist gleichzeitig vorhanden und doch unauffindbar.

Das Inventar verhält sich wie dunkle Materie:
Man sieht es nicht direkt,
aber es hält die Nachbarschaft zusammen.

Es wird angenommen,
dass der Späti der einzige Ort im Universum ist,
an dem die Entropie kurzzeitig Pause macht.

Nur die Preise nicht.

Im direkten Kontakt
kommt es zu sozialen Überlagerungen.

Fremde werden für die Dauer eines Kaltgetränks zu Philosophen.
Man nickt sich zu in einer Sprache,
die nur aus „Na?“ und „Muss ja“ besteht.

Reaktionen wirken unzuverlässig synchronisiert.

Man kauft ein und versteht sich
in einer leicht verschwommenen Version der Realität.

Im Großen stabil.
Im Kleinen ungenau.

Manche nennen das Nahversorgung.
Andere nennen es Rettung.

Und wieder andere
— meist diejenigen, die noch vor der Tür diskutieren —
nennen es einfach: Feierabend.


Universum, ich hätte gern ein Sterni.
Kalt.
Und behalt den Rest, es reicht sowieso nie für alle.`

4 comments

Le miroir de l'aube said:

la mécanique quantique du quotidien....
9 days ago ( translate )

Kayleigh replied to Le miroir de l'aube:

:-))))))
Merci Lio !
8 days ago ( translate )

Boarischa Krautmo said:

Prost ;-)
8 days ago ( translate )

Kayleigh replied to Boarischa Krautmo:

Auch so :-)))
8 days ago ( translate )