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Zwei Sekunden. Times Changed Us
Silvester in Kreuzberg. Das erste Date, die Funken, das Glück. Drei Jahre später treffen sie sich wieder.
Zwei Sekunden.
Times Changed Us

Das Café riecht nach Kaffee und feuchter Erde von den Blumenkästen draußen. April in Kreuzberg, und die Sonne fällt schräg durch die Scheiben, wirft lange Schatten auf die Holztische. Er ist nur reingekommen, weil er einen Espresso brauchte, schnell, auf dem Weg durch den Tag.

Dann sieht er sie.

Sie sitzt am Fenster, ein Buch aufgeschlagen vor sich, die Schultern entspannt. Das Licht fängt sich in ihrem Haar. Drei Jahre. Drei verdammte Jahre, und sein Herz stolpert wie am ersten Tag.

Und sofort ist die Erinnerung da. Der Ring. Ihre Hand, die nach der Schmuckschatulle greift, wieder und wieder, als könnte sie ihn durch schiere Willenskraft zurückholen. Silber, mit einem kleinen blauen Stein, abgegriffen von den Jahren. *Der Ring meiner Mutter*, hatte sie immer gesagt, mit dieser Zärtlichkeit in der Stimme. Und er hatte ihn genommen. Einfach genommen, während sie bei der Arbeit war, hatte ihn zum Pfandhaus an der Warschauer Straße gebracht. Achtzig lächerliche Euro für etwas Unersetzliches.

Er erinnert sich an ihre Tränen. Wie sie nicht geschrien hatte, nicht getobt. Nur geweint, still, zusammengesunken auf dem Bett, während sie verstand. Während sie schluchzte.

Er sollte gehen. Einfach umdrehen, raus, sie hat ihn nicht gesehen. Aber seine Füße tragen ihn schon zu ihrem Tisch, und bevor er nachdenken kann, hört er seine eigene Stimme, zu laut, zu unsicher:

"Bist du es wirklich?"

Sie blickt hoch.

Und da ist es. Das Lächeln. Echt, warm, ohne Zögern. Ihre Augen weiten sich leicht, überrascht, aber nicht erschrocken. "Oh", sagt sie, und es klingt beinahe fröhlich. "Hey. Wow, das ist... wie lange ist das her?"

"Drei Jahre", sagt er. Seine Stimme klingt heiser.

"Drei Jahre." Sie nickt, schließt das Buch, lehnt sich zurück. "Setz dich doch. Möchtest du dich setzen?"

Er setzt sich. Seine Hände wissen nicht, wohin. Automatisch sucht sein Blick ihre Finger – nackt, kein Ring. Natürlich nicht. Sie legt ihre Hände auf den Tisch, locker, offen. Keine Anspannung. Keine Vorsicht.

"Wie geht's dir?" fragt sie.

Die Frage trifft ihn härter als erwartet. *Wie geht's dir?* Als wäre er ein alter Bekannter, jemand, den man aus den Augen verloren hat. Kein Gewicht in der Frage, keine versteckte Bedeutung.

"Gut", lügt er. "Ja, ganz gut. Und dir?"

"Mir geht's richtig gut", sagt sie, und es ist keine Höflichkeitsfloskel. Er sieht es in ihren Augen, in der Art, wie sie dasitzt. Sie meint es. "Ich hab vor ein paar Monaten einen neuen Job angefangen, endlich was, das mir wirklich Spaß macht. Und ich bin umgezogen, nach Neukölln, kleine Wohnung, aber sie gehört mir, weißt du?"

Er nickt. Versucht zu lächeln. "Das klingt... das klingt toll."

"Ja." Sie lächelt wieder, trinkt einen Schluck von ihrem Kaffee. "Es macht mich glücklich."

Die Stille zwischen ihnen ist nicht unangenehm. Zumindest nicht für sie. Sie scheint nicht nach Worten zu suchen, nicht nach einer Erklärung oder einem Vorwurf. Sie ist einfach... da. Präsent. Friedlich.

Und er? Er ertrinkt.

Weil er drei Jahre lang geglaubt hatte, dass dieser Moment – wenn er je kommen sollte – anders sein würde. Dass sie Fragen stellen würde. Dass da noch etwas Offenes wäre, eine Tür, durch die er zurückkriechen könnte, auch wenn nur um Vergebung zu bitten, um zu erklären, um irgendwie—

Aber da ist nichts. Keine offene Tür. Nur eine Frau, die weitergegangen ist.

"Du siehst gut aus", sagt er, und seine Stimme bricht fast.

"Danke." Sie legt den Kopf schief, mustert ihn. "Du auch. Ein bisschen müde vielleicht."

*Müde.* Ja. Drei Jahre müde. Drei Jahre, in denen er nachts wach liegt und sich erinnert. Der Ring. Ihr Gesicht. Die achtzig lächerlichen Euro, die nach einer Woche weg waren, ausgegeben für nichts, an das er sich noch erinnern kann.

"Ich hab oft an dich gedacht", sagt er, und es fühlt sich an, als würde er sich entblößen. "Ich wollte... ich hab immer..."

Sie wartet. Kein Druck. Keine Erwartung.

"Es tut mir leid", sagt er schließlich. Die Worte kommen schwer, kleben an seinem Gaumen. "Für damals. Für alles. Für den Ring—"

"Ich weiß", unterbricht sie ihn. Legt eine Hand kurz auf den Tisch, eine Geste, die Stopp bedeutet, aber nicht kalt. "Danke."

*Danke.* Nicht: Es ist okay. Nicht: Ich vergebe dir. Nur: Danke.

"Es hat wehgetan", sagt sie. "Der Ring war nicht nur ein Ring." Eine Pause. Sie atmet aus, langsam. "Aber die Vergangenheit ist vorbei, ich denke nicht an sie."

Er nickt. Schluckt. Will etwas sagen, aber was? Dass er jeden Tag an sie denkt? Dass er nachts aufwacht mit dem Gefühl, etwas Unwiederbringliches verloren zu haben? Dass er sie immer noch liebt, vielleicht mehr als damals, weil er jetzt weiß, was er hatte?

Dass er den Ring zurückkaufen wollte, zum Pfandhaus gegangen ist, aber er war längst weg, weiterverkauft, verschwunden?

Aber sie ist nicht mehr dieselbe. Die Frau, die ihn mit dieser offenen, bedingungslosen Zärtlichkeit geliebt hat – sie sitzt nicht mehr ihm gegenüber. Diese Frau hier ist stärker, klarer, heiler. Und schöner als je zuvor.

Aber nicht seine.

"Ich sollte los", sagt sie nach einer Weile, schaut auf ihr Handy. "Ich treff mich gleich mit jemandem."

"Klar", sagt er schnell. Zu schnell. "Natürlich."

Sie steht auf, packt ihr Buch ein, wirft ihre Tasche über die Schulter. Dann bleibt sie stehen, legt eine Hand kurz auf seine Schulter. Eine beiläufige Geste.

"Pass auf dich auf", sagt sie.

"Du auch", flüstert er.

Sie geht zur Tür, dreht sich noch einmal um. Zwei Sekunden. Dann ist sie draußen, verschwindet in der Menge auf dem Bürgersteig, im Frühling, im Leben, das für sie weitergeht.

Er bleibt sitzen. Sein Kaffee wird kalt.

Und plötzlich ist er wieder dort. Das erste Date. Silvester. Die Funken steigen in den schwarzen Himmel über Kreuzberg, explodieren in weißem Licht. Ihre Silhouette neben seiner. Das Feuerwerk spiegelt sich in ihren Augen, und für einen Moment ist alles perfekt.

Glück.

Dann verpuffen die Funken. Die Dunkelheit kehrt zurück.

2 comments

Boarischa Krautmo said:

gut.
6 weeks ago ( translate )

Kayleigh replied to Boarischa Krautmo:

Danke :)
5 weeks ago ( translate )