Den fünf Frauen, die Maas und Delamotte am Frühstückstisch in Anita Beckers Schönheitssalon gegenübersaßen, war anzusehen, dass sie in den beiden vorangegangenen Tagen viel geweint hatten. Der Psychologe blickte in gerötete Augen, als er sich bei Beckers Mitarbeiterinnen für die Verspätung entschuldigte.
Maas und er hatten sich etwa zehn Minuten vorher am Parkhaus TeleCity 2 getroffen; obschon auch selber zu spät, war er doch etwas früher als die Kommissarin eingetroffen, die über den vormittäglichen Verkehr geflucht hatte. Die Erweiterung des ohnehin schon großen Komplexes, den einige Fernsehsender und Produktionsgesellschaften ab den späten 80er Jahren bezogen und Marßen damit zur Fernsehhauptstadt des Landes gemacht hatten, hatte neben anderen Konsequenzen auch ein gewaltiges Verkehrschaos zur Folge. Delamotte war auf Schleichwegen über Vossem gefahren, aber ab Höhe der Autobahnausfahrt Teligrath-Süd war er nur noch schrittweise vorangekommen. Maas, die vom Berliner Platz aus über die Autobahn gekommen war, hatte ab der besagten Ausfahrt vor dem gleichen Problem gestanden.
Maas stellte sich und Delamotte vor.
„Einen begleitenden Psychologen könnten wir jetzt auch gebrauchen“, sagte eine brünette Frau, die vermutlich ungefähr in Anita Beckers Alter war. „Noch am Freitagabend haben wir gelacht und Spaß gehabt, und jetzt ist sie tot, und ich frage mich die ganze Zeit nach dem Grund“, fuhr sie fort und blickte Delamotte an.
Er fragte: „Sie waren also auch bei dem Junggesellinnenabschied?“
Die Frau nickte: „Natürlich. Ayse“ – sie deutete auf eine zierliche Blondine mit schwarzen Augen – „Julia und ich waren Anitas erste Mitarbeiterinnen.“
Maas hakte nach: „Julia ist die Braut?“
Ayse bestätigte: „Ja. Julia, Claudia und Ayse – das Multikulti-Team haben wir immer gesagt – eine Russin, eine Italienerin und eine Türkin. Und eine deutsche Chefin, das war wichtig, die Anita hat den richtigen Zug in den Trupp gebracht.“
Eine andere Blondine, die bislang sehr still gewesen war, widersprach sanft: „Nu übertreib mal nicht, Ayse – ihr seid ja alle Marßener Mädchen. Da war ich dann eher die Exotin, als ich als Sächsin mit dazu kam.“
Delamotte spürte, dass es den Frauen guttat, von alten Zeiten zu reden, so als ob Anita Becker dadurch wieder ein Stück weit lebendig wurde. In der Erinnerung der anderen leben wir weiter, dachte er – der Gedanke war weit über alle Religion hinweg tröstlich.
Die brünette Claudia legte ihrer sächsischen Kollegin die Hand auf den Unterarm: „Na komm, Franzi, nach dem ersten gemeinsamen Abend in der Altstadt warst du doch schon eingebürgert.“ Sie blickte von Maas zu Delamotte: „Julia hat das Team dann vor zwei Jahren verlassen – ihre zukünftigen Schwiegereltern betreiben ein Café auf dem Land, da arbeitet sie jetzt mit.“
Ayse ergänzte: „Svetlana und Jenny sind dann vor einem Jahr dazugekommen, als klar wurde, dass Anita noch einen zweiten Salon aufmachen würde.“
Delamotte blickte kurz zu den beiden offenbar etwas jüngeren Frauen, bemerkte dass sie auch am Tisch ein wenig abgesondert saßen.
„Svetlana und ich arbeiten seit Januar in Galgenwardt, die anderen drei hier“, erklärte sie.
„Und am Freitagabend“, kam Claudia wieder auf den Junggesellinnenabschied zu sprechen, „wir saßen im Alpenstadel, sangen und tanzten und Julia umarmte Anita und sagte…“ – sie stockte, Tränen schossen ihr in die Augen – „und sie sagte: ‚Wart mal ab, der nächste Junggesellinnenabschied wird deiner sein.‘ Und Anita hat so gelächelt, ganz glücklich, und gesagt: ‚Das wäre sehr schön, ja.‘“ Claudia schlug sich schluchzend die Hände vor das Gesicht, Ayse nahm sie in die Arme.
„Wer macht sowas?“, fragte Franzi „Wer zerstört so einfach ein Leben? Träume? Pläne?“
Delamotte fühlte sich angesprochen, aber er konnte diese Frage nicht beantworten. Sollte er diesen Frauen, die nicht einfach um eine Chefin, sondern um eine liebgewonnene Freundin weinten, das wirklich erklären? Dass es diesem Mann nichts bedeutete, Leben und Träume anderer Menschen zu zerstören – weil ihm seine eigenen Träume oder eher Alpträume viel wichtiger waren.
„Wie geht es eigentlich Raimund, wie kommt der denn damit zurecht?“, fragte Ayse nach Anita Beckers Lebensgefährten.
„Nicht gut, er ist noch im Krankenhaus“, antwortete Maas, „es nimmt ihn alles sehr mit.“
„Das wundert mich nicht“, merkte Franzi an, „er ist so ein lieber Kerl.“
Claudia hatte sich wieder etwas gefangen: „Das stimmt – Anita hatte mit ihm ein echtes Glückslos gezogen.“
„Hat Frau Becker – Anita – in jüngster Zeit jemals erwähnt, dass sie jemand verfolgt, beobachtet, dass ihr jemand aufgefallen ist?“, fragte Delamotte „Sie haben sich ja täglich gesehen.“
Die Frauen schüttelten den Kopf, bis auf Ayse: „Da war doch diese Geschichte mit dem Polizisten.“
Delamotte und Maas horchten auf, auch Jenny und Svetlana blickten erstaunt.
„Das ist doch schon Jahre her“, widersprach Claudia.
Franzi stimmte ihr zu: „Ja, mindestens fünf Jahre – das war auf jeden Fall bevor sie Raimund kennengelernt hat.“
Maas hakte nach: „Und was war damals mit diesem Polizisten?“
„Anita ist damals auf dem Heimweg von einem Polizisten angehalten worden, weil sie zu schnell gefahren war“, erinnerte sich Ayse.
Franzi lächelte: „Ja, sie war schon manchmal eine ziemliche Raserin, die Anita.“
Ayse nickte: „Aber in diesem Fall hatte sie scheinbar Glück gehabt, der Polizist hat zwar ihre Personalien aufgenommen, sie dann aber nur mündlich verwarnt. Wir haben sie am nächsten Morgen noch aufgezogen, so in der Art: ‚Na, den hast du wohl so richtig um den Finger gewickelt.‘“
Claudia übernahm die Erzählung: „Tja, und etwa eine Woche später hat Anita dann diese Anzeige bekommen. Also jetzt keine richtige Anzeige, obwohl das Ding schon ziemlich echt aussah. Ihr wurde vorgeworfen, sie hätte ein Herz gebrochen, irgend so was – so eine Art Verarschungsanzeige.“
„Und als Geschädigter stand da dieser Wachtmeister – Müller oder Möller, auf jeden Fall fing der Name mit M an“, ergänzte Franzi.
„Möller glaube ich“, sagte Ayse, „und als Strafe wurde ihr dann ein gemeinsamer Kinobesuch oder ein Abendessen oder noch irgendwas aufgebrummt. Total bescheuert, diese Sache – was für ein verklemmter Baggerversuch!“
„Wie hat Frau Becker darauf reagiert?“, fragte Maas.
„Nu, erst mal gar nicht“, antwortete Franzi, „sie hat den Quatsch ignoriert. Aber dann hat der Typ angefangen, hier anzurufen.“
„Ach du Scheiße“, entfuhr es Jenny.
„Hier im Salon?“, hakte Maas nach.
Die Frauen bestätigten das.
Delamotte schaltete sich ein: „Er hat also nie bei Anita privat angerufen?“
„Nein, das sage ich doch“, bekräftigte Franzi, „immer nur hier im Salon. Wir haben das alles mitbekommen, mindestens zweimal pro Woche rief der hier an, sagte Sachen wie: ‚Nicht, dass Sie noch verhaftet werden.‘ Das war richtig unheimlich.“
Maas schüttelte ungläubig den Kopf: „Hat Frau Becker diesen Vorfall nie gemeldet? Nie die Polizei eingeschaltet? Ich meine: dieser Mann muss ja nicht wirklich von der Polizei gewesen sein, oder?“
Claudia widersprach: „Also Anita war sich absolut sicher, dass der Mann, der sie kontrolliert hatte, ein echter Polizist war. Und deshalb wollte sie auch dessen Kollegen nicht einschalten. Nehmen Sie es nicht persönlich, aber sie hat halt gesagt: ‚Die machen doch eh nichts, eine Krähe hackt der anderen doch kein Auge aus.‘“
Maas ließ sich nichts anmerken, und Delamotte konnte Anita Becker durchaus verstehen. Die Polizei, wusste er, hatte diesen manchmal etwas zweifelhaften Ruf nicht ganz zu Unrecht.
„Wie ist die Geschichte denn ausgegangen?“, wollte er wissen.
Claudia klärte ihn auf: „Mein Mann hat Anita dann geholfen. Er hat ein paar Tage freigenommen, und in der Zeit alle Telefonate im Salon entgegengenommen.“
Franzi grinste: „Sie müssten die Stimme von Claudias Mann mal hören…“
„Auf jeden Fall“, fuhr Claudia fort, „als sich dann, ich glaube am dritten Tag, ein Anrufer nicht meldete, rief mein Mann ganz laut: ‚Schatz, ich glaube, da ist so ein Wichser am Telefon, der kriegt den Mund nicht auf!‘ Danach hat dieser Wachtmeister sich nie wieder bei Anita gemeldet.“
„Coole Sache“, lachte Svetlana.
Auch Delamotte war einen Moment lang amüsiert, bis ihn die Realität wieder einfing: „Es wäre schön, wenn sich alle Probleme so einfach lösen ließen.“
Maas nickte: „Auf jeden Fall haben Sie uns einen wichtigen Hinweis gegeben – wir werden dem mit Sicherheit nachgehen.“
„Glauben Sie etwa…“, begann Ayse.
„Ich glaube erst mal gar nichts“, erwiderte Maas, „aber wenn dieser Mann wirklich einer von uns ist, bekommt er einen höllischen Einlauf – und wenn ich ihm den höchstpersönlich verpassen muss.“
Als sie am Eingang des Parkhauses ankamen, zündete Maas sich eine Zigarette an.
Delamotte war überrascht: „Ich wusste nicht, dass du rauchst.“
„Nur hin und wieder“, antwortete die Kommissarin, „besonders nach Gesprächen wie diesem gerade.“
Er konnte sie gut verstehen und war kurz davor, sich eine zu schnorren – die Angst davor, rückfällig zu werden, hielt ihn davon ab.
Er sprach den Hinweis der Mitarbeiterinnen an, Becker sei eine ziemlich sportliche Fahrerin gewesen: „Das passt nicht so ganz zu den Erkenntnissen, die Lüttges von der Verkehrspolizei bekommen hat.“
Maas überlegte: „Sie hat wohl Glück gehabt, oder sie wusste, wo die stationären Blitzer stehen. Und bei persönlichen Kontrollen hat sie vielleicht öfter mal ihren Charme spielen lassen – manche Kollegen sollen da ziemlich empfänglich sein.“
„So wie dieser Wachtmeister Müller?“, fragte Delamotte.
Maas schien skeptisch: „Wenn es denn ein Kollege war. Verkehrskontrollen werden normalerweise von zwei Beamten durchgeführt – solche Alleingänge darf es eigentlich nicht geben.“ Auf jeden Fall würde sie bei der Verkehrspolizei nachfragen, ob dort von einer mündlichen Verwarnung vor mehr als fünf Jahren noch etwas bekannt sei.
„Ob Polizist oder nicht – sie ist auf jeden Fall mal gestalkt worden“, stellte Delamotte fest.
Maas blickte ihn fragend an: „Glaubst du etwa…“
Er unterbrach sie lächelnd: „Auch ich glaube erst mal gar nichts – aber es ist eine Sache, über die ich nachdenken muss.“
Maas wurde noch einen anderen Gedanken los: „Beckers Lebensgefährte kommt wohl übermorgen aus dem Krankenhaus – dem wird sie vielleicht von der Geschichte erzählt haben. Und gegebenenfalls hat sie ja diese dubiose Anzeige nicht weggeworfen.“
Er blickte aus dem Fenster – draußen war es bereits dunkel. Delamotte hatte offenbar jegliches Zeitgefühl verloren. Auf seinem Whiteboard befanden sich diverse neue Zettel, aber einen tieferen Sinn konnte er aus ihnen nicht ableiten. Zwei der Zettel hingen direkt nebeneinander. Sötenich war im Herbst 1997 vermutlich beobachtet worden – der Mord an dem Malermeister war Ende Juli 2003 geschehen. Becker war gerade, knapp zehn Monate nach Sötenich, dem Uhu zum Opfer gefallen. Falls die Erinnerung ihrer Mitarbeiterinnen korrekt war, hatte ein Stalker die Frau irgendwann im ersten Halbjahr 1999 belästigt. Das passte alles nicht zu seinen anderen Überlegungen.
Denn auf dem Heimweg hatte ihn ein ganz neuer Gedanke beschäftigt. Was, wenn dieser übergriffige Wachtmeister tatsächlich der Uhu wäre? Und wenn dieser Mann gar kein Serienmörder wäre, zumindest keiner im klassischen Sinne? Sondern lediglich ein verschmähter Verehrer, dessen Rachewünsche immer stärker geworden waren – dem jedoch klar sein musste, dass es noch Zeugen seines Annäherungsversuches geben könnte. Zeugen, deren Aussagen ihn verdächtig machen würden. Und was, wenn dieser Mann dann mehrere Morde begangen hätte – absolut kaltblütig – mit dem einzigen Zweck, den Mord am wahren Objekt seiner Rachsucht zu maskieren?
Delamotte hatte sogar einen nicht unerheblichen Punkt gefunden, der für diese Annahmen sprach – das absolute Fehlen einiger für Serienmörder typischer Verhaltensweisen. Kein festes Beuteschema, keine Trophäen, kein Verweilen am Tatort. Doch sobald Delamotte den Mord an Dr. Ernsting in die Rechnung einbezogen hatte, waren ihm massive Zweifel gekommen – dieser Mord hatte außer der klinischen Durchführung so gar nichts Kaltblütiges an sich.
Entscheidend aber waren die beiden Zettel, die wie Zwillinge nebeneinander hingen. Wenn die Zurückweisung durch Anita Becker der Auslöser dieser Morde gewesen sein sollte, dann passte die Beobachtung Sötenichs, etwa anderthalb Jahre früher, nicht in die Rechnung. Es sei denn, die Mitarbeiterinnen des Schönheitssalons hätten sich massiv in der Zeit verschätzt. Oder aber, Wachtmeister Müller war nicht der Uhu. Oder der Unbekannte, der Sötenich beobachtet hatte, war nicht der Uhu – Delamottes Bauchgefühl sagte aber, dass dieser Unbekannte es eher war. Oder vielleicht war auch keiner der beiden der Uhu – das war vermutlich noch am wahrscheinlichsten. Verdammt!
Es klingelte an der Tür. Britta lächelte ihn an: „Hi! Was ist, kommst du gleich rüber?“
Delamotte blickte kurz auf die Uhr – es war halb acht, sein Magen knurrte, und besonders frisch fühlte er sich nicht. „Ist in einer Stunde OK?“, fragte er.
Britta nickte: „Klar – dann freut sich Timmy, dass er ein bisschen länger aufbleiben darf.“
Delamotte musste lachen, das erste Mal an diesem Tag.
„Und falls es dir nichts ausmacht“, bat seine Nachbarin, „hast du noch ein Fläschchen von diesem leckeren Rotwein? Diesem ersten, den wir zusammen getrunken haben?“
Markus Delamotte lachte erneut – ja, er hatte noch die eine oder andere Flasche Phelan-Segur im Keller. Und für einen angenehmen Ausklang des Tages war das auch genau der richtige Wein.
Schönen Gruß von Jutta“, sagte Marino, nachdem Delamotte es sich auf dem Beifahrersitz des BMW bequem gemacht hatte. „Sie hat bei der Verkehrspolizei nachgefragt“, fuhr er fort, „von einer mündlichen Verwarnung Beckers ist dort nichts bekannt – weder vor fünf Jahren noch sonst wann.“
„Das wundert mich nicht wirklich“, erwiderte der Psychologe, „wenn es dieser Wachtmeister von Beginn an darauf angelegt hat, sie anzubaggern, wird der den Vorfall nie gemeldet haben.“
Marino runzelte die Stirn: „Wenn es denn überhaupt ein Polizist war. Einen Wachtmeister Müller oder Möller gibt es bei den Kollegen nicht. Der einzige Name, der dort ungefähr passen würde, ist ein Hauptwachtmeister Mühlmann – aber der steht kurz vor der Pensionierung und ist seit fast vierzig Jahren verheiratet. Klingt mir nicht nach einem Möchtegern-Casanova in Uniform.“
Ungefähr eine halbe Stunde später standen sie wieder in der Parkbucht, die sie bereits am Samstagmorgen genutzt hatten.
„Gassert ist seit gestern wieder zuhause, aber immer noch angeschlagen, und ich nehme an immer noch unter Beruhigungsmitteln“, erklärte der Kommissar.
Delamotte sinnierte – das sonnige, warme Wetter passte so überhaupt nicht zu seiner Stimmung. Innerlich bereitete er sich darauf vor, einem Menschen gegenüber zu treten, der gerade die wichtigste Bezugsperson in seinem Leben verloren hatte.
Auf dem Weg zum Haus bemühte Delamotte sich darum, nicht in Richtung der Garage zu schauen. Raimund Gassert erwartete Marino und ihn bereits in der Haustüre – Delamotte erschrak beim Anblick von Beckers Lebensgefährten.
Der eigentlich recht große und sportliche Mann wirkte gebrochen, um seine Augen lagen dunkle Ringe, und seine Stimme klang schwach: „Kommen Sie bitte rein.“
Er führte die beiden in ein großes, helles Wohnzimmer, wo sie an einem Esstisch Platz nahmen. „Ich bitte Sie bereits jetzt um Verständnis, wenn mir manche Antworten schwerfallen“, sagte er.
Marino und Delamotte nickten betroffen.
„Ohne diese Dinger hier“ – Gassert zog einen Tablettenstreifen aus der Brusttasche seines Hemdes – „könnte ich das alles nicht.“ Er überlegte einen Moment, bevor er fortfuhr: „Als Anita den Wagen in die Garage fuhr – ich war noch wach, wissen Sie – ich wollte auf sie warten, noch ein bisschen mit ihr plaudern. Wir hatten uns an dem Tag seit dem Frühstück nicht gesehen. Im Kraftwerk waren ein paar zusätzliche Arbeiten angefallen, der Arbeitstag wurde länger als geplant.“
Gassert blickte zur Seite, rang um Worte: „Ich hatte überlegt… Der Moment schien mir passend… Ich wollte am nächsten Morgen ein Sektfrühstück machen und Anita… Ich wollte sie bitten, meine Frau zu werden.“ Er schaute wieder in die Richtung seiner Besucher, Tränen rannen über sein Gesicht: „Ich weiß ja nicht, ob sie…“
Delamotte unterbrach ihn sanft: „Sie hätte bestimmt ja gesagt.“
Gasserts Gesicht hellte sich ein wenig auf: „Meinen Sie?“
Delamotte nickte bekräftigend, während Marino dem Gastgeber ein Taschentuch reichte.
Als Gassert sich wieder gefangen hatte, erzählte er weiter: „Anita hat dieses Haus ziemlich genau vor vier Jahren gekauft – der Schönheitssalon lief sehr gut, sie hatte einiges Geld beiseitegelegt, und ihre Eltern haben dann auch etwas dazugetan. Damals war sie noch mit einem anderen Mann zusammen, aber dem hat sie dann wenig später den Laufpass gegeben.“ Die Andeutung eines Lächelns erschien auf seinem Gesicht: „Etwas später haben wir uns dann kennengelernt, in Istrien. Es war… Es war von Anfang an so etwas wie ein Zauber.“
Schweigsam saßen die drei Männer eine Zeit lang beisammen, wie es vielleicht gerade für Männer ihres Alters typisch war. Die Situation verlangte nicht nach Worten – sie schloss Worte geradezu aus, dachte Delamotte.
Nach einigen Minuten war es Marino, der die Stille durchbrach: „Die Mitarbeiterinnen des Salons haben uns da etwas erzählt – eine Geschichte, die mindestens fünf Jahre zurückliegen soll.“ Gassert sah ihn interessiert an. „Frau Becker… Anita soll damals gestalkt worden sein“, sagte der Kommissar, „möglicherweise sogar von einem Polizeibeamten.“
Gassert wirkte überrascht: „Davon weiß ich gar nichts, das hat sie mir nie erzählt.“
„Ich bin sicher, sie wollte Sie nicht damit belasten“, warf Delamotte ein.
Raimund Gassert nickte: „Das würde zu ihr passen, sie war eine ziemlich starke und toughe Frau, wenn es sein musste.“ Trotz dieser Aussage sah Delamotte dem Mann an, dass ihn diese unerwartete Erkenntnis ein Stück weit verletzte.
Marino fuhr fort: „Angeblich hat dieser Mann ihr damals so eine Art Anzeige geschickt. Eine etwas merkwürdige Art des Annäherungsversuchs. Könnte es sein, dass dieses Schriftstück noch irgendwo existiert?“
„Das ist durchaus denkbar“, antwortete Gassert, „Anita war bei allen schriftlichen Sachen immer sehr genau – Steuern, Versicherungen, Stromabrechnungen und so was. Sie hat alles immer abgeheftet – wenn dieses Schreiben dabei ist, dann finden wir es in ihrem Arbeitszimmer.“ Er stand auf und führte die beiden in das Obergeschoss.
Anita Beckers Arbeitszimmer war verhältnismäßig klein und so aufgeräumt, wie es eigentlich nur Frauen hinbekamen, dachte Delamotte.
Gassert wies auf einen Regalschrank, in dem auf mehreren Ebenen eine ganze Menge Aktenordner standen. Alle waren fein säuberlich beschriftet und sortiert. Er fuhr mit dem Zeigefinger an den Ordnern entlang: „Hier sind Steuern… Geschäft… Haus… Versicherungen… Und Sonstiges, da könnte so ein Schreiben dabei sein. Wann soll diese Geschichte gewesen sein?“
„Vor etwa fünf Jahren“, erwiderte Delamotte.
Gassert zog einen Ordner aus dem Schrank: „Dann schauen Sie mal hier.“ Delamotte nahm den Ordner entgegen – mit „Sonstiges 97-99“ war er beschriftet.
„Ist es in Ordnung, wenn ich Sie bei der Suche alleine lasse?“, fragte Gassert.
Marino nickte: „Selbstverständlich.“ Der Gastgeber verließ das Zimmer, Delamotte hörte ihn die Treppe hinuntergehen.
Es dauerte nicht lange, bis die beiden das ominöse Schreiben gefunden hatten. „Strafanzeige“ stand in großen Buchstaben über dem Formular.
„Das ist aber nicht von uns“, erkannte Marino, „obwohl es für einen Normalbürger den Eindruck machen muss.“
Die Daten der Tatzeit, des Tatorts und der Beschuldigten waren in überraschend sauberer Handschrift eingetragen. „Schau dir mal das hier an“, sagte Delamotte, „Name, Vorname, Geburtsdatum, Adresse – das scheint alles genau zu passen, das muss dieser Kerl bei seiner ‚Verkehrskontrolle‘ ihren Papieren entnommen haben.“
Marino nickte: „Wenn Tatort und Tatzeit korrekt sind, und der Typ wirklich zu uns gehört, haben wir ihn am Wickel. Das lässt sich ja mit Einsatzzeiten und so weiter abgleichen.“
Delamotte hatte in der Zwischenzeit den Tatvorwurf gefunden: „Meine Güte, lies das hier mal: ‚Körperverletzung in Form eines gebrochenen Herzens‘! Was soll dieser Scheiß?“
Marino las weiter: „Als Geschädigter ist hier ein Hanspeter Mölders eingetragen. Keine Adresse, aber eine Handynummer. Und dann schau mal hier – ‚Strafmaß: ein Abendessen, ein Kinobesuch, ein Ausflug an die Mosel oder an die Ahr‘. Der Kerl ist doch völlig bescheuert!“ Vorsichtig nahm er das Schreiben aus dem Ordner, und stellte diesen wieder in den Schrank.
„Sind Sie fündig geworden?“, fragte Gassert, als die beiden wieder ins Wohnzimmer kamen.
Marino bejahte: „Wollen Sie das Ding mal sehen?“
„Lieber nicht“, antwortete Gassert und schüttelte den Kopf.
„Dürfen wir das Schreiben mitnehmen?“, bat der Kommissar. Gassert nickte.
Im Auto bemerkte Marino: „Also wenn dieser Mölders wirklich Polizist sein sollte, kriegt er jetzt massiven Ärger.“ Er zögerte einen Augenblick: „Denkst du, er könnte…“
„Der Uhu sein“, unterbrach ihn Delamotte.
Marino nickte.
Der Psychologe ließ sich mit der Antwort Zeit: „Darüber habe ich auch schon nachgedacht.“
„Und?“, drängte Marino.
„Ich kann es mir nicht vorstellen“, sagte Delamotte, „da passt zu vieles nicht zusammen. Aber wenn es einen Wachtmeister Mölders gibt, und die Daten auf dieser Anzeige passen mit seinen Einsatzzeiten an dem Tag zusammen – dann sollten wir zumindest mal seine Einsatzzeiten mit den Daten der Morde abgleichen. Und dann vielleicht auch einen Blick auf seine Ergebnisse auf dem Schießstand werfen. Wegen diesem beknackten Annäherungsversuch kann man ihn dann immer noch rankriegen.“
Delamotte saß bereits beim Abendessen, als Marino anrief. Er hatte sich lediglich ein paar Sandwiches gemacht – zum Kochen fehlte ihm in den letzten Tagen öfter mal der Antrieb.
In den Regionalnachrichten hatte er einen Bericht über die Erweiterung von TeleCity gesehen; für das Vorhaben hatten einige der städtischen Planer den nahegelegenen Geheimratssee mit einbeziehen wollen. Als Modell sahen Verwaltungsgebäude an einer Seepromenade natürlich sehr schön aus, die Investoren hatten begeistert reagiert. Dass der See, der im Rahmen der Renaturierung aus der früheren Geheimrat-Kales-Grube entstanden war, eigentlich als Vogelschutzgebiet dienen sollte, hatte dann keine Rolle mehr gespielt. Den Naturschützern, die gegen die Pläne lautstark protestiert hatten, war man dadurch entgegengekommen, dass man den bei Vossem liegenden Victoriasee als Alternative angeboten hatte. Wobei die Frage, was dann mit dem dort seit Jahren schon bestehenden und sehr beliebten Strandbad passieren sollte, ebenso offen geblieben war wie das Schicksal des am gegenüberliegenden Seeufer befindlichen Angelclubs. Die Warnungen der Wasserbauingenieure, dass die Uferbefestigung des Geheimratssees eine nahe Bebauung gar nicht erst zuließ, waren bestenfalls von einer Minderheit der Entscheidungsträger ernstgenommen worden – die Modelle sahen halt viel zu schön aus. Und nun stellte sich heraus, dass die Ingenieure recht gehabt hatten. An den Baustellen kam es immer wieder zu Wassereinbrüchen, eine Stabilisierung der Uferbefestigung würde eine gewaltige Kostenexplosion mit sich bringen – verbunden mit der Frage, wer diese Kosten tragen sollte.
„Diesen Wachtmeister Mölders gibt es tatsächlich“, hörte er Marinos Stimme, „oder besser gesagt: Hauptwachtmeister Mölders.“ Delamotte war nicht wirklich überrascht. „Er ist bei der Motorradstaffel – Pesch kennt den Leiter der Staffel persönlich, hat ihn eben mal auf dem kurzen Dienstweg angerufen“, fuhr Marino fort.
Dieses Vorgehen gefiel Delamotte nicht – falls Mölders wider Erwarten doch der Uhu war, und sein Chef ihm von Peschs Anruf erzählen sollte, wäre der Mann vorgewarnt. Aber Pesch nutzte eben gerne mal seine persönlichen Netzwerke.
Marino sagte: „Der Bursche gibt wohl gerne den coolen Motorradbullen, so richtig mit Spiegelbrille und allem, was man so im Fernsehen sieht. Seine Einsatzzeiten bekommen wir morgen, Niclas wird sie sich anschauen. Und Pesch hat schon bei der Telefonfirma angefragt, auf wen die Handynummer auf der ‚Anzeige‘ damals zugelassen war – die Nummer existiert nämlich nicht, oder eher: nicht mehr.“ Delamotte konnte sich vorstellen, wer das herausgefunden hatte – und wie.
Nachdem sie das Gespräch beendet hatten, dachte er noch mal über diese neuen Informationen nach. Ein sich cool gebender Motorradbulle mit Spiegelbrille – das passte zu jemandem, der mal auf eigene Faust eine Verkehrskontrolle durchführt, um eine attraktive Fahrerin anzubaggern. Oder sich auch, vermutlich nach gescheitertem ersten Annäherungsversuch, ihre Daten zu beschaffen. Delamotte konnte sich auch vorstellen, dass so ein Mann zum Stalker werden würde. Aber passte es zu einem Serienmörder? Das konnte er sich nicht vorstellen. Einerseits. Andererseits: bis vor kurzem hatte er sich auch Pesch nicht als Biker vorstellen können.
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