"Zen-Meister Linji erklärte, dass jeder von uns sein eigener Herr und nicht ein Opfer seiner Umgebung sein sollte. Wir müssen uns unsere Freiheit bewahren, auch wenn die Dinge um uns herum nicht so laufen, wie wir es uns vielleicht wünschen. Es liegt in unserer Verantwortung, Herrin der Lage zu sein und die Situation, in der wir uns befinden, zum Erwachen zu nutzen. Wo immer Sie sind, können Sie Herr Ihrer selbst sein. Ein aktiver Mensch fragt immer: „Was kann ich, was können wir tun, um die Situation nicht zu verschlimmern, sondern zu verbessern ? „
Mit diesem Geist der Liebe sind wir nicht mehr passiv. Statt Opfer zu bleiben, werden wir wieder aktiv. Bodhicitta gibt uns die Energie und Willenskraft, aktiv zu sein und etwas verändern zu können. Das ist sehr wichtig. Auch wenn wir noch gar nicht gehandelt haben, wird allein die Einsicht und der Wille zur Veränderung unser Leiden um achtzig bis neunzig Prozent verringern.
Wenn wir genau hinschauen, sehen wir, dass es niemanden auf der Welt gibt, der noch kein Opfer von schwierigen Situationen geworden ist. Die Gesellschaft ist voll von Diskriminierung, Gewalt, Ungleichheit, Hass, Begierde und Gier. Wir Menschen sind von alldem übervoll und bereiten uns, allen anderen Arten und dem Planeten dadurch viel Leid. Wir können also nicht behaupten, es gäbe jemanden, der kein Opfer von irgendwas ist.
Und wir sollten uns daran erinnern, dass auch in uns die Saat von wertender Unterscheidung, Wut, Begierde, Gewalt und ungeschicktem Verhalten vorhanden ist. Wenn Sie imstande sind, sich selbst zu transformieren, sind Sie auch in der Lage, diejenigen zu transformieren, von denen Sie sich unterdrückt fühlen und die Sie als die Quelle Ihres Leidens ansehen. Das ist auf jeden Fall meine eigene Erfahrung und Praxis.
Ich habe keine Feinde, auch wenn ich sehr viel Leid und viel Ungerechtigkeit erlebt habe. Es gibt Menschen, die versucht haben, mich zu töten, mich zu unterdrücken, aber ich betrachte sie nicht als meine Feinde. Ich möchte ihnen helfen. Ich habe mich verändert und transformiert, und deshalb sehe ich mich nicht mehr als Opfer.
Jedes Mal, wenn wir fallen, ist das eine Gelegenheit, wieder aufzustehen – das ist die Einstellung eines aktiven Menschen. Obwohl es Hindernisse und Herausforderungen gibt, lassen wir uns nicht von ihnen überwältigen. Wir stehen auf wie ein Held, eine Heldin. Mit dieser Haltung fällt schon sehr viel Leid weg."
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Thich Nhat Hanh : Zen und die Kunst, die Welt zu retten, Lotos Verlag, 2022 )
Kommentar : Bei diesem Zitat muss man sich hüten vor Allmachts-Phantasien. Es heißt hier, dass wir jede Situation zu unserem Erwachen nutzen können - also die Samen von Weisheit und Mitgefühl und Tatkraft in uns entdecken und fördern. Das bedeutet aber nicht, dass wir jede Situation nach unseren eigenen Vorstellungen gestalten können. Wir sind nicht die Herren der äußeren Lage, aber wir können die Herrinnen unserer Selbst sein. Das ist ein feiner & wesentlicher Unterschied, der viel ausmacht - nur wer den nicht kennt, hält ihn vielleicht für unwichtig.
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1 comment
Ingo Krehl said:
Sich nicht als Opfer fühlen, sondern Verantwortung für sich und die Umwelt übernehmen.
Jede Idee kann missbraucht/verdreht werden, dass darf uns aber nicht zurückhalten.