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Feudalistische Strukturen in Neufünfland
Dies wird ein Fortsetzungsartikel über die "Neue Bodenreform" speziell in Mecklenburg Vorpommern nach dem Mauerfall im Jahre 1989 mit Ausflügen in die jüngere Geschichte und einem Blick in eine (un)mögliche Zukunft. Wer mitdiskutieren möchte oder einfach nur Fragen hat, darf sich gerne einmischen.

"Bauernland in Junkerhand"
Unlängst las ich einen Artikel über den Bodenmarkt in Mecklenburg Vorpommern, der mir die erschreckende Situation nochmal richtig bewusst machte. Hier also meine ganz persönlichen Gedanken dazu. Ackerland in den Neuen Bundesländern und speziell in Mecklenburg Vorpommern geht tausendhektarweise aus der Hand von Bauern in die Hand von Großindustriellen. Unser Landwirtschaftsminister in MV (Till Backhaus) bezeichnet das als die Entstehung von feudalistischen Strukturen. Die Finanzkriese im Jahr 2007 war der Auslöser für diese negative Entwicklung. Das Geld war an der Börse und auf der Bank nicht mehr sicher oder brachte keine Rendite mehr. Da entdeckten die Wohlhabenden und Industriellen die sicherste Geldanlage neu, denn so etwas hatte es auch schon in früheren Krisen gegeben.
Der Boden ist nicht vermehrbar und ohne ihn kann man keine Lebensmittel erzeugen. Außerdem wird die Landwirtschaftliche Fläche durch den (Aus)Bau von Straßen, Energie- und Bahntrassen, die Entstehung von Industrie- und Gewerbebetrieben, Bergbau, Müllhalden, Ausgleichsmaßnahmen und Wohngebiete ohnehin dramatisch weniger. Zunächst stand den neuen Großgrundbesitzern das Gesetz im Wege. Denn eigentlich dürfen nur Bauern landwirtschaftliche Flächen kaufen. Die Lösung war einfach, dann wird halt der Bauer gekauft!
Warum geschieht das überwiegend in den Neuen Bundesländern? Weil da die Betriebe zehnmal so groß sind! Um das zu erklären, muß man einen Ausflug in die Geschichte machen.
Auf dem Gebiet von Mecklenburg Vorpommern (MV) waren die Höfe auch vor 1945 schon größer. Ein Bauer hatte zwischen 10 und 50 ha und es gab viele Güter von 250 bis zu 5000 ha.
Nach dem Krieg gab es dann die Sozialistische Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone "Junkerland in Bauerhand". Jeder Landeigentümer mit mehr als 100 ha wurde enteignet und außerdem alle Nazis. Alle anderen Bauern behielten ihr Land übrigens über die ganze DDR-Zeit. Das enteignete Land wurde anders als in der SU nur zu einem geringen Teil in Volkseigene Güter umgewandelt. Der größte Teil der Ländereien wurde an landlose Menschen verteilt. Das konnten aus dem Osten geflüchtete Bauern sein so wie meine Vorfahren, die aus Ostpreußen kamen aber auch Schuster oder Lehrer aus Schlesien oder Hinterpommern. Genauso aber auch Landarbeiter aus Mecklenburg.
Eine Bodenreformsiedlung (Neubauern) bestand idR aus 7 ha Acker, 1 ha Wiese und 0,5 ha Wald. Dazu gab es oft ein kleines Haus, eine Wohnung oder einen Bauplatz und etwas Vieh. Wenn man so will, ein äußerst großzügiges Geschenk. Inzwischen ist der Landwert so einer Siedlung je nach Region und Güte 50.000 bis 150.000 €. Diese Form der Landwirtschaft war aber für die Machthaber in der DDR schnell zu uneffektiv und die freien Bauern waren ihnen ein Dorn im Auge. So entstanden dann die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG). Was zunächst freiwillig begann, in dem man die Bauern überzeugte, ging irgendwann in Nötigung über und endete mit dem Zwang zur Mitgliedschaft. Wobei sicher die Mehrheit im Nachhinein ganz zufrieden war, es gab aber auch viele die damals in den Westen gingen und einige Menschen nahmen sich auch den Strick.
In der LPG wurde alles gemeinsam bewirtschaftet, was in den großen Strukturen auch einen erheblichen Effektivitätszuwachs brachte. Es wurden neue größere Ställe und Anlagen gebaut und Technik angeschafft. Die LPG kümmerte sich um Ihre Mitglieder, sie lernten Freizeit und Urlaub kennen, was Kleinbauern zuvor fast unbekannt war. Die Bauern hatten anders als in den Volkseigenen Gütern (VEG) ein gewisses Mitspracherecht und waren Miteigentümer des Betriebes. Die SED hatte natürlich auch hier ihre Hand im Spiel. Der Parteisekretär war je nach Stärke und "politischer Konfession" des Vorsitzenden mindestens der zweite oder dritte Mann in der LPG. Am Ende der DDR waren aber auch hier aufgrund der Mangelwirtschaft viele Betriebe marode. Was aber blieb, waren die effektiven großen Strukturen!
Nach dem Fall der Mauer 1989 kamen aber auch die LPGen wie die meisten Betriebe der DDR schnell ins trudeln. Zu viele Leute, mittelmäßige Technik, keine Erfahrung mit der Marktwirtschaft, keine Rücklagen und eine ungewisse Zukunft was die Politik betraf.
Jede LPG musste ihren eigenen Weg in die Marktwirtschaft finden. Keiner kann genau sagen in wieviel LPGen es dabei nach Recht und Gesetz zuging. Bei einem nicht geringen Teil der LPGen wurden die Genossenschaftsbauern von ihrem sozialistischen Vorsitzenden übers Ohr gehauen. Er wurde ein reicher Mann an der Spitze der neuen Agrargenossenschaft, die irgendwann plötzlich seine war oder nur noch wenigen gehörte. Einen solchen Betrieb kaufte ich mit Bankkrediten 2004 , als er vor dem Konkurs stand.
Ein anderer Teil der LPGen hat sich selbst abgewickelt, was die Bundesregierung am liebsten gesehen hat. Es war erklärtes Ziel der Bundespolitik diese großen sozialistischen Strukturen zu zerschlagen. Was aus meiner Sicht ein Fehler war. Wir sollten alle zerstrittene Kleinbauern werden wie im Westen und keine starken Großbetriebe.
Aus den abgewickelten Betrieben sollten blühende kleine Bauernhöfe entstehen. So wurden Wiedereinrichter enorm gefördert aber nicht nur die, sondern auch die Neueinrichter. Diese kamen aber meistens aus den alten Bundesländern und waren gar nicht neu. Sie waren in der Marktwirtschaft erfahrene Bauern und wussten wie es geht. Mitunter mieteten sie nur ein Kinderzimmer von einem Einheimischen irgendwo im Dorf. Das nannten sie dann Büro und waren nun Bauern in Neufünfland. Sie kassierten alle Aufbauhilfen, kauften sich schicke neue Traktoren, die auf ihren Hof in den Westen gingen. Von dort holten sie ihre alten Traktoren, setzten einen billigen Ossi drauf und bewirtschafteten den Neueinrichterhof nebenher. Man nannte sie passend die Tiefladerbauern.
Von den Wiedereinrichtern haben allerdings die meisten schnell wieder aufgegeben. Betriebe mit 30 oder 50 ha hatten schon vor 25 Jahren keine Zukunft mehr. Die Erfolgreichen haben sich entweder recht schnell vergrößert, haben eine Nische gefunden oder betreiben ihre Landwirtschaft nach Feierabend.
Es gab aber auch viele mehr oder weniger geordnete Umwandlungen von der LPG zur Agrargenossenschaft oder zur GmbH. Bei der Gründung der LPGen in den fünfziger und sechziger Jahren wurde auf sehr deutsche Art und Weise penibel aufgelistet was jeder eingebracht hatte, von der Kuhherde bis zur Heugabel. Bei der Abwicklung der LPG ab 1990 wurden dafür Entschädigungen gezahlt. Das hieß Auszahlung der Inventarbeiträge. Außerdem mussten Nachfolgebetriebe ca. 30 Jahre Pacht nachzahlen. Zwar in niedriger Höhe aber trotzdem ein Millionenbetrag für Nachfolgebetriebe über 1.000 ha. Neueinrichter brauchten das übrigens nicht!
Da viele Betriebe dazu nicht in der Lage waren, wurden die ehemaligen Genossenschaftsbauern zu Teilhabern in der neuen Agrargenossenschaft oder GmbH. Die Landeigentümer bekamen nun außerdem aber eine jährliche Pacht für ihre Flächen und im günstigsten Fall auch eine Rendite. Meistens hatten sie auch einen Arbeitsplatz im neuen Unternehmen. Es waren allerdings zu viele Leute da. Deswegen nutzten sehr viele den damals üblichen Vorruhestand mit 55, um die Mitarbeiterzahl zu verringern. Viele junge Leute gingen aber auch freiwillig, meist in den Westen, weil da wesentlich mehr Geld zu verdienen war. Viele LPG-Bauern bekamen Abfindungen damit sie gehen, falls Geld da war. Oftmals wurde der ehemalige Vorsitzende oder ein weiterer Leitungskader in solchen Betrieben der neue Vorsitzende oder Geschäftsführer. Er hatte eine hohe Verantwortung und viele schafften es, die Betriebe erfolgreich in die Marktwirtschaft zu führen und trotzdem fair mit den ehemaligen Mitgliedern umzugehen.
Mitte der neunziger Jahre waren viele dieser Umwandlungen weitgehend abgeschlossen und man hatte ein Mischung von kleineren und größeren Landwirtschaftsbetrieben. Das meiste Land war aber in den großen Betrieben geblieben. Auch wenn die durchschnittliche Betriebsgröße von 5000 ha auf unter 500 ha gefallen war, gab es doch sehr viele Agrargenossenschaften oder Agrar-GmbH mit 1.000 bis 3.000 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche. Bei den GmbH und Agrargenossenschaften man nannte sie fortan Juristische Personen, gab es zwar Eigentum an Gebäuden, Vieh und Technik aber so gut wie kein Landeigentum.
Die meisten größeren Betriebe schafften es sich in der Marktwirtschaft zu etablieren. Allerdings gehen auch bei den großen Betriebe immer wieder einige Konkurs. IdR liegt das an der Eignung der Betriebsleiter. Ein abgeschlossenes Studium der Agrarwissenschaften und ein gewisses Durchsetzungsvermögen ist sicher hilfreich, um zu bestehen. Die erfolgreichen Betriebe haben die Zahl der Gesellschafter verringert, die Gebäude saniert oder neue gebaut, moderne Technik angeschafft und jede Menge Land zu günstigen Konditionen kaufen können. Heute findet man die modernsten Betriebe sicher im Nordosten Deutschlands, es gibt sie natürlich auch anderswo aber nicht in der Größe. Bis ungefähr 2007 entstanden also stabile Strukturen und es gab viele Betriebe die inzwischen mehrere Millionen Euro wert sind.
Dann kam die Finanzkriese nichts war mehr sicher, das Geld war nichts mehr Wert. In dieser Zeit entdeckten die Industriellen und Superreichen, dass der Boden eine sichere Kapitalanlage ist. Landwirtschaftliche Flächen zu kaufen, ist wie oben erwähnt nicht für jedermann möglich. Deswegen wurden jetzt zunehmend die großen Landwirtschaftsbetriebe gekauft, um fortan als Bauer Ackerland kaufen zu können. Gleichzeitig wurde in Biogasanlagen investiert, was normale Bauern kaum finanzieren konnten. Diese enorme Nachfrage nach Land durch wohlhabende Menschen, die auch mal richtig viel Land kaufen können, führte rasch zu einem rasanten Anstieg der Pacht- und Kaufpreise von Landwirtschaftlicher Nutzfläche. Besonders die ehemalige Treuhand (BVVG) spielt hier eine unrühmliche Rolle. Die verschachern unser ehemaliges "Volkseigentum", das heute dem Bund gehört, zu Höchstpreisen. Für den Bund ist das übrigens ein Milliardengeschäft. Unser Landwirtschaftsminister versucht seit Jahren diese Flächen in Landeseigentum zu bekommen, um sie zu vernünftigen Konditionen an die Bauern zu geben. In Mecklenburg Vorpommern einem Flächenland, in dem eigentlich genug Land da wäre, ist der Land- und Pachtpreis inzwischen vom letzten auf den sechsten Platz deutschlandweit geklettert. Für junge Bauern und kleine Betriebe gibt es da kaum noch Chancen an Land zu kommen. Außerdem haben viele Großbetriebe in den letzten Jahren Kasse gemacht. So wurden aus den scheinbaren Kommunisten, was die sozialistischen Leitungskader in der Regel laut Parteibuch waren, oftmals Millionenschwere Pensionäre. Immer mehr Fläche konzentriert sich in den Händen weniger Menschen. Besonders in Vorpommern betrifft das schon ganze Landstriche. deswegen spricht der Minister nicht zu Unrecht von feudalistischen Strukturen. Längst gibt es wieder Betriebe mit mehreren tausend Hektar, die sicher zukünftig bestimmen werden, was wir für eine Landwirtschaft haben und wie teuer Lebensmittel werden. Es sei den, wir schaffen das noch irgendwie aufzuhalten.........

Nach einem fürchterlichen Regenjahr und einem fürchterlichen Dürrejahr hatten viele hier gehofft, die Pacht- und Kaufpreise für Acker-und Grünland würden nicht weiter steigen. Leider war das ein Irrtum. Der Ackerlandpreis in meiner Region wird vom Gutachterausschuss im April um weiter 5000 € je ha hochgesetzt. Das heißt bei uns konkret, dass der Durchschnittspreis
für einen durchschnittlichen Hektar Landwirtschaftlicher Nutzfläche auf 27.000 € steigt. Damit ist zu erwarten, dass man kaum noch Ackerland unter 30.000 € pro ha erwerben kann. Unter den gegenwärtigen erzielbaren Gewinnen, benötigt man dazu eine hundertjährige Finanzierung mit ein Prozent Zins, um diese Fläche aus landwirtschaftlicher Erzeugung bezahlen zu können. Das ist irrsinnig und es gibt Regionen, in denen der Preis noch wesentlich höher ist! Auch wenn die Böden dort mitunter besser sind, ist es das selbe Problem.
Fazit: Die Übernahme der landwirtschaftliche Flächen durch industrielle und andere landwirtschaftsferne Wohlhabende geht ungebremst weiter und uns Bauern wird das Land nach und nach entzogen. Nur eine Änderung der Zinspolitik durch die EZB kann die Heuschrecken vertreiben.
Ein Vorteil hat die Zinspolitik, meine Bank gewährt mir einen Kredit über eine halbe Millionen Euro zum Bau eines Getreidelagers mit 1,05 % Zins.

Demnächst werde ich mal erzählen wie es dazu kam, dass aus unser 10.000 ha LPG sechs Nachfolgebetriebe wurden, von denen seit letztem Jahr nur noch einer existiert.

42 comments

I Holzi said:

Gut geschrieben, Jens! Beeile Dich bitte mit der Fortsetzung, ich möchte weiterlesen... ;o))

VG Iris
2 years ago ( translate )

Biobauer replied to I Holzi:

Danke:) Dafür muss ich in Stimmung sein. ;-)
2 years ago ( translate )

Boarischa Krautmo said:

Ich schreib auch schon mal was, damit ich seh, wann's weitergeht ;-)
2 years ago ( translate )

Biobauer replied to Boarischa Krautmo:

Ich bin begeistert von der Resonanz:) werde aber trotzdem weiterschreiben.Ich weiß nur noch nicht ob hier. ;-)
2 years ago ( translate )

Boarischa Krautmo replied to :

dann schreib, wo... ;-)
2 years ago ( translate )

LutzP said:

Ja, mach weiter hier, es geht ja nicht um Quantität .... mich interessiert das sehr
2 years ago ( translate )

Biobauer said:

Okay, weiter geht's!:)
2 years ago ( translate )

Gudrun said:

Wie ein Krimi, mich interessiert das auch sehr!
2 years ago ( translate )

Biobauer replied to Gudrun:

Ich versuche mich kurz zu fassen, um das wesentliche aus meiner Sicht möglichst neutral darzustellen.
2 years ago ( translate )

Gudrun replied to :

Mir erschließt sich nicht, wieso Neueinrichter keine Pacht nachzahlen mussten.
2 years ago ( translate )

Boarischa Krautmo replied to :

auch Wiedereinrichter mussten keine Pacht nachzahlen. Die aus den LPGen hervorgegangenen Betriebe mussten jedoch auch deren Verbindlichkeiten übernehmen - und die Verjährungsfrist liegt bei 30 Jahren - d.h. die Grundeigentümer konnten von den Betrieben Geld fordern. Daß die Forderungen allerdings rechtskräftig waren ist so ein interessanter Fall der Rechtsgeschichte - letztlich wurde hier nämlich ein Rechtssystem rückwirkend übernommen. M. M.n. hätte man bei entsprechendem politischen Willen die LPG-Nachfolger nämlich auch bei 0 beginnen lassen können.

Und jetzt bin ich mal böse: Das war gar nicht gewollt, da die Junker-Erben mittlerweile in der westdeutschen Politik etwas zu sagen hatten und so auf Wiedererlangung ihres enteigneten Besitzes hofften.

Ich hoffe, ich hab dem Jens jetzt nicht seinen Fortsetzungsroman zerstört......
2 years ago ( translate )

Gudrun replied to :

Aha, so ein Verdacht hatte mich beim Lesen auch schon beschlichen...
2 years ago ( translate )

Biobauer replied to :

Schreib Du doch weiter du A..... ;-)
2 years ago ( translate )

Biobauer replied to :

Es ist nicht völlig ungerechtfertigt gewesen, die Nachfolgebetriebe die Pacht nachzahlen zu lassen. Allerdings hätte uns dann die Bundesrepublik auch die Gewinne rückerstatten müssen, die die DDR uns LPGen jedes Jahr weggenommen hat! Denn die BRD war ja auch Rechtsnachfolger der DDR! Haben Sie natürlich nicht.
2 years ago ( translate )

Uli F. said:

1. "Neufünfland" finde ich gut ;-)))!
2. Mein Mann (Hobbybauer) sagt: "Bauernland gehört in Bauernhand". Bauernland und Lebensmittel (Weizen usw.) dürfen nicht zu Spekulationsobjekten gemacht werden.
Viele Grüße aus dem sonnigen Sauerland
Uli
2 years ago ( translate )