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Unterwegs in der Welt - zwischen Zaïre und Afghanistan
„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Drum nähme ich den Stock und Hut und tät das Reisen wählen.“ Matthias Claudius (1740-1815)

Reisen, das definiert eine "Fortbewegung von einem Ausgangspunkt zu einem entfernten Ort mit dortigem Aufenthalt und wieder zurück" Die Welt bereisen kann man auf die unterschiedlichste Art und Weise. Man kann es virtuell - etwas was wir mittlerweile ganz selbstverständlich jeden Tag auf's Neue machen, wenn wir uns mit dem Internet verbinden. So bereist habe ich die Welt schon früh, zwar ohne Internet, aber das Fernsehen hat mir die Welt ganz selbstverständlich nach Hause gebracht.

Ohne es gewollt zu haben, habe ich mit der Einführung schon die Art einer Reise definiert. Man kommt also ohne einen "Unterbegriff" gar nicht weiter, wenn man von Reisen spricht. Und es gibt sehr viele "Unterbegriffe", die das Wiki-Wörterbuch "Wiktionary" gleich nach Art (Abenteuerreise, All-inclusive-Reise, Autoreise, Bahnreise, Besichtigungsreise, Besuchsreise, Bilderreise, Bildungsreise, Billigreise, Blitzreise, Bootsreise, Busreise, Clubreise, Dienstreise, Durchreise, Einkaufsreise, Einreise, Einzelreise, Eisenbahnreise, Entdeckerreise, Entdeckungsreise, Erholungsreise, Erinnerungsreise, Erkundungsreise, Erlebnisreise...) oder Ziel (Afrikareise, Ägyptenreise, Amerikareise, Asienreise, Auslandsreise, Australienreise, Balkanreise, Berlinreise, Brasilienreise, Chinareise, Deutschlandreise, Englandreise, Europareise, Fernostreise, Frankreichreise, Griechenlandreise, Harzreise, Indienreise, Inlandsreise, Irlandreise, Israelreise, Italienreise, Japanreise, Kanadareise, Karibikreise, Kubareise, Lateinamerikareise, Mexikoreise, Mondreise, Moskaureise...) aufteilt. Also die virtuelle Reise eine Art der Reise, denn ich reise ja nicht nach "Virtuellien".

Ich schrieb es ja schon, dass es virtuelle Reisen nicht erst seit Enstehen des Internet gibt, auch nicht seit der Erfindung des Fernsehens. Vorher gab es ja schon "Wochenschauen" mit Nachrichten aus aller Welt in den Kinos, bevor der Film anfing. Übrigens gilt das französische „Eclair-Journal“ aus dem Jahre 1907 als erste eigenständige Wochenschau. Aber auch das Laufenlernen der Bilder war noch nicht der Anfang des vituellen Reisens, es gab ja schon die Zeitungen und Bücher, die Geschichten enthielten, die uns auf eine Reise mitnahmen. Ja, und solche Geschichten wurden vielleicht schon am Lagerfeuer nomadisierender Steinzeitmenschen erzählt. Die kamen ja auch ganz schön herum. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Geschichten ziemlich spannend sein konnten, die Fantasie anregten und auch informierten.

Mal abgesehen davon, dass ich mich in der Definition einer Reise nach Ziel in sehr vielen Reisen wiederfinden kann, so offenbart die Unterteilung nach Art schon sehr schnell Vorlieben und NoGo's. Eine Abenteuerreise gefällt mir, auch Entdeckungsreisen. Beide können dann schnell zu einer Erlebnisreise werden. "All-inclusive-Reisen" haben dann bei mir den Geruch des Langweiligen. Aber so spannend auch eine virtuelle Reise sein kann, langweilig kann sie auf Dauer auch werden. So war und ist der Motor einer virtuellen Reise bei mir immer die Vorstellung und das Besteben, den virtuellen Raum zu verlassen und in die Realität einzutauchen. Und das ist eine unglaublich aufschlussreiche und spannende Sache.

Das erste Erlebnis, das mich im wahrsten Sinne aus der virtuellen Welt und aus der Rolle eines Sebastian Münster (viele "ältere" Deutsche unter uns, kennen sein Konterfei vom 100 DM-Schein) heraus katapultierte, war sicherlich meine Reise ins zairische Goma 1994. Zum Verständnis: Sebastian Münster (1488–1552) gehört "zu den berühmten Kosmographen der Renaissance, zusammen mit Leonardo da Vinci (1452–1519), Martin Behaim (1459–1507), Martin Waldseemüller (1472/75–1520), Petrus Apianus (1495–1552) und Gerhard Mercator (1512–1594)." Seine Cosmographia (Weltbeschreibung), war "die erste wissenschaftliche und zugleich allgemeinverständliche Beschreibung des Wissens der Welt in deutscher Sprache, worin die Grundlagen aus Geschichte und Geographie, Astronomie und Naturwissenschaften, Landes- und Volkskunde nach dem damaligen Wissensstand zusammengefasst worden sind." Sein Wissen bezog Sebastian Münster aus den Reiseberichten und Erzählungen verschiedener Gelehrter, Geographen, Kartographen und von Seereisenden, d.h er war einer, "der daheim blieb, die Welt zu entdecken." Doch zurück zu 1994 und in den Kongo, wo ich mich bald unter Millionen ruandischer Flüchtlinge befand.

Goma Zaire 1994


Da meine Reise sich immer wieder verzögerte, hatte ich unfreiwillig mehr Zeit, mich darauf vorzubereiten. Das war allerdings nicht unbedingt ein Vorteil. Je mehr Zeit ich hatte, Informationen zu sammeln, desto weniger hatte ich Zeit, sie nach Relevanz zu sortieren und auf Authentizität zu prüfen (sofern das überhaupt aus meiner Sebastian-Münster-Perspektive möglich war). Im Großen und Ganzen resultierte mein Wissen aus dem Konsum von tagtäglichen Nachrichtenmeldungen, Literatur die unter ganz anderen Vorraussetzungen geschrieben worden war und Erzählungen von Leuten, die schon mal da waren bzw. irgendwo in Ostafrika. Dennoch hatte ich Glück - mein Schritt in die Welt, fernab jeglicher touristischer Aktivität, verlief gut und hatte einen enormen Lerneffekt, der mir später zugute kam (eigentlich waren es viele Lerneffekte, dieser allerdings der heftigste.

Die ersten Früchte dieses Lernens oder der Erfahrungen, die ich im Leben sammeln konnte, erntete ich 10 Jahre später (2004 / 2005), als ich für 6 Monate (mit einer einwöchigen Unterbrechung) Europa verließ und mich in Afghanistan aufhielt. Die Bilder, die ich hier veröffentliche (teilweise zum ersten Mal), sind im Zeitraum von November 2004 bis Mai 2005 entstanden. Teilweise stimmen die Ortsangaben nur ungefähr, da damals weder GPS in meiner Kamera verbaut war, noch ich mir Notizen gemacht habe. D.h. die Notizen zu Ortsangabe sind mit Vorsicht zu genießen, denn durch unterschiedlichste Schreibweisen ist es mir heute teilweise unmöglich, den genauen Standort der Bilder zu rekonstruieren. Grob gesehen aber stimmen die Angaben. Aber auch daraus kann man lernen - später im ländlichen Kapadokien ist mir das z.B. nicht mehr passiert.

Ganz wichtig: Die Bilder sind mittlerweile 17 Jahre alt. Sicher hat sich das tagtägliche Leben der Afghanen nicht viel verändert. Dennoch sind neue Straßen, Gebäude oder Brücken hinzu gekommen. Was die Menschen angeht, die teilweise auf den Bildern zu sehen sind, so muss man sich auch hier ganz deutlich vor Augen führen, dass sie auch 17 Jahre älter geworden sind. Zehn Jahre alte Kinder sind heute 27, alte Menschen leben heute vielleicht gar nicht mehr, weil das sicherlich auch ein ganz natürlicher Weg sein kann, den auch Menschen am Hindukush gehen.


"Es ginge der Erde besser, wenn es mehr Nomaden gäbe" - Annegret Nippa, Ethnologie-Professorin.